Thomas Öhler

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Es gibt Menschen, die behaupten fest im Sattel zu sitzen. Dann gibt es noch jene, die das weder behaupten, geschweige denn tun. Zu dieser zweiten Gruppe zählt sich Tom Öhler, der auf den Sattel komplett verzichtet und eher auf Balance und Gefühl vertraut.

Nicht mal mit beiden Beinen auf dem Boden steht der 27-Jährige. Denn das würde Strafpunkte am Konto des Trialbikers bedeuten, der seit einigen Jahren in der internationalen Szene der Zweiradakrobaten mit- und selbige auch immer wieder aufmischt. Der erste große Wurf gelang ihm mit dem Gewinn des BIU Indoor-Europameistertitel in der Experts-Klasse und des Vize-Europameisters der Master im Jahr 2006 oder dem einen oder anderen Weltcup- und Europacup-Sieg. Zufriedenheit mit dem bis dahin Erreichten zeigte der Sportstudent wenig. Frei nach dem Motto: Mehr geht immer und erst ganz oben ist Schluss!

„Ein ‚gscheiter’ Titel muss her!“ – Gesagt, dran gearbeitet und getan: 2008 wird der Oberösterreicher zum BIU Weltmeister im Trialbiking gekürt. Nach einem Sieg beim ersten Rennen in Frias (ESP) Ende Juli und einem vierten Platz in La Tour-de-Scay (FRA) genügte dem KTM Biker beim Showdown in Itadori (JAP) ein zweiter Platz für den Gesamtsieg und entschied mit neun Punkten Vorsprung die Weltmeisterschaft für sich.

Die Kindheit verlebt der Blondschopf im oberösterreichischem Pettenbach. Entstammt demnach einer ländlichen Idylle, die Tom erst nach eindringlicher Fragerei preisgibt. Somit mag er auf den ersten Blick vielleicht schüchtern wirken, das stete Lächeln im Gesicht kann aber sehr wohl als verschmitzt gedeutet werden. Unschuldig machen ihn beim genauen Hinsehen die blonden Haare und selbst die wasserblauen Augen nicht mehr.

„Als Kind kann dir am Land ein Nachmittag schon auch manchmal lang erscheinen“ spricht einer, der nur zwei bis drei Wochen im Jahr wirklich Ruhe gibt, das Rad in die Ecke stellt und auf diese Weise Abstand so wie neue Motivation gewinnt; und so kommen seinerzeit die Abfälle aus der Tischlerei der Tante nur gelegen, die Langeweile scheint wie weggeblasen. Holzpaletten und ein nahe gelegener Steinbruch werden fortan zum Lieblingsaufenthaltsort. Gelernt wird anhand von Fotos und Fahrtechnikbeschreibungen, in den Trialsport eingestiegen mit zarten 13 Jahren. Die Mischung aus Talent und Training trägt alsbald erste Früchte: die Teilnahme beim zweiten Regio Cup endet siegreich, der erste WM-Start 1999 wird mit einem sechsten Platz belohnt. Zwei Jahre später wird der 5-fache Österreichische Meister – „hat eine Staatsmeisterschaft stattgefunden, war ich dabei und habe gewonnen“ – in den USA Vize-Jugendweltmeister.

Ein Bruch des Außenknöchels Ende 2008 veranlasste den Sportstudenten trial-bike-technisch kürzer zu treten. Mit viel Fitness, Mountainbiken, Straßenradfahren und dem Sportstudium, füllte er seine Weltcup-Abstinenz und arbeitete „einen Schritt zurück, aber dann mit mehr Anlauf“ an seinem Comeback. 2009 sicherte sich der Trial-Profi ein Guinness-Zertifikat und hält nun seit knapp einem Jahr den Weltrekord im Bike-Hochsprung auf 2,9 Meter.

Alle Preise eingeheimst, die es im Trialbike-Sport zu gewinnen gibt, zeigt sich der Oberösterreicher nun vermehrt auf der Bühne. „Ich will versuchen, den Trialsport ein bisschen weiterzuentwickeln, in eine andere Richtung zu lenken.“ Mit interessanten BMX-Elementen, waghalsigen Tricks, Stunts und Akrobatik mit gelöstem Vorderrad und natürlich dem Publikum in der Rolle des Hindernisses, setzt der Bikeartist den Showcharakter seines Sports bewusst in den Mittelpunkt und begeistert in seinem Projekt „MTB Trial Shows“ auf den verschiedensten Events. Und so liegt für 2011 auch schon eine neues Eventformat in der Öhlerschen Schublade: Zusammen mit ein paar Kollegen wurde ein Konzept für ein neuartiges MTB Event Format geschrieben, das am ehesten als Parcours auf Rädern oder als urbanes 4Cross Rennen zu beschreiben ist. Städtische Hindernisse, die zu zweit oder zu viert auf Zeit gefahren werden und Trial-artiges Fahrkönnen verlangen, für den gemeinen 4Crosser also schnell einmal zu technisch. Ein erster Test könnte bereits in der kommenden Saison absolviert werden.

Den vergangenen Sommer verbrachte der Trial-Profi eine Zeit lang in den USA. Unter dem Motto „Back to School“ besuchte er den ein oder anderen Uni-Campus in Atlanta, Nashville, Austin, Chicago, Washington DC und Phoenix, begeisterte Studierende und versetzte Professoren in Staunen. „In Nashville habe ich mir einen Hörsaal von innen angesehen. Ich bin während einer Vorlesung in das Auditorium gedüst und auf das Pult des Professors gesprungen.“ kommentiert der Trial-Star. Die Bilanz des dreiwöchigen Projekts: 53 Shows und 261 Freiwillige mit einer durchschnittlichen Breite von 40 Zentimeter – macht in Summe eine Sprungstrecke von rund 105 Meter. Nicht übel!

2011 liegt die Priorität – so kurios das auch klingen mag – generell wieder beim Fahrradfahren. „2010 war aufgrund des letzten Semesters an der Uni sehr wenig Zeit zum Trainieren und neue Styles und Tricks zu lernen, das wird 2011 nachgeholt“, so der baldige „Bachelor“. Mit Einsätzen beim Bikefestival Gardasee im Mai und einer Neuauflage der „Back to School“ Tour im September sind zwei Events im neuen Kalender bereits rot angestrichen. Auch an die Neuen in der Szene will der Trial-Insider denken und im Laufe des Jahres alle neun Landeshauptstädte nach den besten Spots abgrasen. Zu finden sind die Empfehlungen dann in diversen sozialen Netzwerken des World Wide Web und auf www.smooth.at.