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Auf der Waage ein Fliegengewicht, im MTB Cross Country dick da – Lisi Osl sorgt seit geraumer Zeit für das spektakulärste Bergauf und Bergab in der österreichischen Mountainbikeszene.
Ob sie den Einstieg ins wettkampforientierte Mountainbiken ihrer Schwester Maria zu verdanken hat, darauf will sich die Gesamtweltcupsiegerin von 2009 nicht festlegen, denn mit dem Drahtesel sei sie ja schon immer gern durch die Gegend gedüst. Fakt ist allerdings, dass besagte Schwester – ebenfalls erfolgreich im Weltcup unterwegs – seinerzeit 1998 Klein Elisabeth zu ihrem ersten Wettkampf angemeldet hat; als Partnerin im Teambewerb, die legendären „Osl-Sisters“ waren geboren. Damals noch von der um ein Jahr älteren Schwester zum Start gezwungen, ist seither das Wort Rennen Motivation genug.
Jede Menge Rennen in den vergangenen Jahren schürten also die Motivation der 46kg leichten Athletin und bescherten ihr 2007 auch international den Durchbruch bisher: Staatsmeistertitel (AUT), Silbermedaille Europameisterschaften U23, Bronzemedaille Weltmeisterschaften U23 Fort William, 13. Platz im Gesamtweltcup. Natürlich nicht ohne Fleiß, Konsequenz, Genauigkeit und eine gewisse Härte gegen sich selbst und die gegebenen Bedingungen, die nicht selten Dreck, Schlamm, Schrammen und unliebsame Stürze bedeuten. „Freude, ohne die geht gar nix!“, setzt die zierliche Kirchbergerin noch nach, die trotz oder vielmehr genau wegen oben genannter Unannehmlichkeiten und Widrigkeiten das Beherrschen ihres Bikes als reines Vergnügen bezeichnet.
Als Arbeit im eigentlichen Sinn sieht sie das besonders nach den Erfolgen im vergangenen Jahr gestiegene öffentliche Interesse an ihrer Person, die Blicke und Fragen der Menschen, denen sie immer wieder ausgeliefert ist. Darauf lässt sich das Fliegengewicht aber nicht ein: „Ich will bei jedem Rennen gut fahren, da macht es für mich keinen Unterschied, ob Weltcup, Olympia oder WM. Über Erfolge freue ich mich natürlich riesig, in erster Linie muss ich aber selbst mit meiner Leistung zufrieden sein!“
Aufgewachsen und nach wie vor beheimatet im beschaulichen Kirchberg im Tiroler Unterland, beschränkt sich das Heimatgefühl nicht auf die Kitzbüheler Alpen, sondern eher auf einen Gefühlszustand: Ruhe und Geborgenheit. Dass sich der dort, wo sich am Ende eines Trainings der Kuhmist aus dem Reifenprofil schält, die Luft klar und der Himmel auch in der Realität oft kitschig blau ist, schnell einstellt, ist in unserer schnelllebigen Zeit nur allzu verständlich. Unverfälscht wie ihre Umgebung ist sich auch Lisi selbst am liebsten – einfach, geradlinig und direkt: „Was mich zur Weißglut bringt? Falsche Leute. Mir sind die am liebsten, die einem die Wahrheit ins Gesicht sagen.“
Und weil die Heeresleistungssportlerin bescheiden ist, möchte sie in späteren Zeiten schlicht als jemand, der versucht hat, ein gutes Leben zu führen, immer ein „grader Michel“ und für jeden Spaß zu haben war, in Erinnerung bleiben.
Bis es so weit ist, steht noch das eine oder andere große Ziel auf dem dicht gedrängten Rennprogramm. Eines davon kann Lisi Osl mit zufriedenem Lächeln abhaken: Am 19. September 2009 hat sich die Ausnahmeathletin einen großen Traum erfühlt und just beim Heimrennen auf der Planai den Gesamtweltcupsieg gesichert. Dabei sah es am Anfang noch gar nicht so gut aus: „Meine Beine waren schwer, ich war eigentlich einfach nur grantig und unausgeglichen und habe mir gedacht, na bravo! Als die 80 Leute von daheim auf mich zugesteuert sind, hat sich ein Schalter umgelegt. Das hat mir nochmals einen Adrenalinschub gegeben, deshalb auch die Tränen schon vor dem Rennen, in die ich sofort ausgebrochen bin“, grinst Lisi. Die tolle Unterstützung der Fans tat ihre Wirkung: „Von da weg gab es dann für mich nur noch eine Taktik: Angriff ist die beste Verteidigung!“
Gesamtweltcupsieg, drei Einzelweltcup-Siege und Rang eins in der Weltrangliste – diese Erfolge blieben selbst dem gemeinen Österreicher nicht verborgen und so wurde die junge Kirchbergerin mit dem dritten Platz bei der landesweiten Sportlerwahl 2009 belohnt: „Eine Riesenehre für mich, und ich war so überrascht, dass es mir auf der Bühne beinahe die Sprache verschlagen hätte. Ein Wahnsinn, so etwas erleben zu dürfen!“
Im ‚Central GHOST pro Team‘ fühlt sich die amtierende Staatsmeisterin im MTB Cross Country – Osl holte 2010 zum vierten Mal in Folge den Titel – pudelwohl und so konnte auch ein Reifenplatzer und infolge „nur“ Rang neun bei der EM in Haifa gut verarbeitet werden. Den besten Beweis dafür lieferte die beherzte Aufholjagd bei der WM in Monte Saint Anne – von Position 12 auf den ausgezeichneten fünften Gesamtplatz: „In meinem Leben war ich wahrscheinlich selten so befreit wie im Augenblick der Zieleinfahrt! Ich konnte voll rein steigen, bin nicht gegen mich, sondern wirklich gegen die Konkurrentinnen gefahren. Das war das Beste, was mir für mein sportliches Selbstbewusstsein passieren konnte.“ Am Tag X alle Register ziehen zu können, weiß die zierliche Tirolerin jetzt und nimmt mit gestärkter Brust bereits das nächste große Ziel in Angriff – Olympia 2012. „Die Olympischen Spiele sind für jeden Sportler das Größte. Ich will dort eine Medaille gewinnen, aber das wird natürlich sehr schwer. Die Leistungsdichte ist enorm, und alle haben das gleiche Ziel. Bis zu den Spielen ist es aber noch eine lange Zeit, daher muss meine Konzentration weiterhin dem Weltcup gelten, der ist das tägliche Brot.“ Der Weg ist das Ziel und Lisi Osl liebt es, wenn selbiger noch mit Steinen und Wurzeln gespickt ist.