Kraftwerk_live_in_Stockholm © wikipedia

Kraftwerk, die deutschen Paten elektronischer Musik, veröffentlichten gerade ihren remasterten Back-Katalog. Die Geschichte eines unsterblichen Erfolgskonzeptes.

Die Rock’N’Roll-Explosion von Chuck Berry, der psychedelische Peace-Pop der Beatles und dann ... ein deutsches Quartett, das stellvertretend Roboter auf die Bühne schickt und Computertracks, so geradeaus wie eine Autobahn, produziert? So steht es im Geschichtsbuch der modernen Musik geschrieben. Kraftwerk, die perfekte Symbiose aus Mensch und Maschine, steht nach wie vor für eines der anerkanntesten, einflussreichsten und originellsten Band- und Klangkonzepte.

Unterschiedlichste Musiker wie Beck, Grandmaster Flash oder Kylie Minogue hatten beim Hören des straighten, kühlen Synthie-Sounds kreative Initiations-Erlebnisse. Cover-Versionen durch Künstler wie Big Black und Rammstein (Das Model), Coldplay (Talk), U2 (Neon Lights) oder Señor Coconut, der gleich ein ganzes Album mit „latinisierten“ Kraftwerk-Nummern (El Baile Alemán) veröffentlichte, festigten die Stellung der Düsseldorfer im Kanon internationaler Popmusik.

Der erste Moment einer musikalischen Kernfusion fand bereits 1968 am Düsseldorfer Konservatorium statt: Dort begegneten sich die zwei Einzelgänger Florian Schneider und Ralf Hütter, um, nach eigenen Angaben, „gemeinsam als Mr. Kling und Mr. Klang einen Doppelgänger zu erschaffen“. Damals war man noch weit entfernt von der protodigitalen Ästhetik Kraftwerks: Die Haare waren lang, die Hosen aus Leder und der Soundtrack zum Acid-Trip kam von Karlheinz Stockhausen.

Schnell wusste man, dass der Abschied von klassischer, notierter Musik gekommen war und jammte unter der Obhut des legendären deutschen Studio-Zauberers Conny Plank mit Flöten, Geigen und Moog-Keyboards drauf los. Für die ersten beiden, ewig vergriffenen Alben Kraftwerk I und II (1970/72) fand die britische Musikpresse den Terminus „Krautrock“. „Dabei mochten wir Sauerkraut gar nicht“, wie Ralf Hütter heute irritiert bemerkt.

Um von der miefigen Metapher mit der Hausmannskost wegzukommen, orientierten sich Ralf und Florian an der Ästhetik Fritz Langs (Metropolis), der Bauhaus-Architektur und am Berliner Nachtleben der 20er Jahre. Live-Auftritte absolvierte man in anonymen Büroanzügen und unter strengen Seitenscheiteln. Und das Mitte der 70er Jahre, als Glamrock die Bühnen dieser Welt beherrschte: Kraftwerk schienen nicht nur aus einem fremdartigen Land zu kommen, sondern aus einer fernen Zeit.

Dass es sich dabei um die musikalische Prophezeiung der Zukunft handeln könnte, bestätigte sich erst in den späten Achtzigern. Immerhin landete Autobahn 1974 in den US-Top Five und Das Model lief 1981 als Nummer eins über den Laufsteg der britischen Charts.

Eine Zusammenarbeit mit ihrem berühmtesten Fan, David Bowie, schlugen die Düsseldorfer ebenso aus wie später eine Anfrage von Michael Jackson. Florian Schneider: „Bowie komponierte 1977 für sein Album Low den Track Schneider V2, fuhr auf seiner Deutschland-Tournee ausschließlich Mercedes und hörte unentwegt unser Autobahn. Das fuhr uns dann doch zu schräg ein.“

   

Dafür wurde ihnen 1982 Sample-Ehre durch niemand geringeren als Afrika Bambaata auf dessen Platten Planet Rock und Renegades Of Funk zuteil. Auch ein anderer HipHop-Gründervater, Grandmaster Flash, ließ in seinen Mixes oft sechs, sieben Minuten deutscher Geradlinigkeit aus dem Hause Kling/Klang ungemixt laufen. Und nur wenige Jahre später verbrämten die zukünftigen Detroit-Techno-DJs Derrick May, Kevin Saunderson und Juan Atkins Kraftwerk-Tracks mit Afro- und Funksamples – was Kraftwerk wiederum als Avantgardisten des mittlerweile allgegenwärtigen Four-To-The-Floor-Beats auszeichnete.

Nicht umsonst stellten die Techno-Pioniere Kraftwerk beim Manchester International Festival im Sommer 2009 zeitgenössische Acts wie die preisgekrönten Elbow oder Rufus Wainwrights erste Oper Prima Donna in den Schatten. Für den intensiveren Genuss ihrer Lichtshow wurden 3D-Brillen verteilt, für Numbers schlüpfte das Quartett in Anzüge, wie sie die Raster-Raser im Disney-Film Tron trugen und weil das Konzert stimmigerweise im Manchester Velodrom stattfand, ließen sie als Untermalung von Tour de France vier Olympioniken des britisch-nordirischen Radteams ihre Hochgeschwindigkeits-Runden drehen.

Sport und Musik waren sich seit New Orders Ecstasy-Song World In Motion mit Kicker Paul Gascoigne harmonisch nicht mehr so nah gekommen.

Nicht nur in Manchester, auch beim Coachella Festival in Palm Desert bei L.A. oder beim Bestival auf der Isle of Wight hatten Techno-Frischlinge und schütter werdende Connaisseure heuer Gelegenheit, eine der wegweisenden Bands zu erleben, die live noch immer hörenswert sind. Ein Großteil ihrer Setlist besteht seit 29 Jahren, doch wen kümmert’s, wenn man in der eigenen musikalischen Sparte konkurrenzlos ist.

Dass aber Kraftwerks Live-Shows so überzeugend und gelungen sind wie nie zuvor, deutet darauf hin, dass die Zukunft jetzt endlich mit ihren einstigen Boten Schritt zu halten vermag. Diese historische Zäsur markiert die Band nun mit der Veröffentlichung ihres gesamten Back-Katalogs, und zwar mit allen acht Alben von 1973 bis 2003 (Autobahn, Radio-Aktivität, Trans-Europa-Express, Die Mensch-Maschine, Computerwelt, Techno Pop, The Mix und Tour de France), inklusive ausuferndem Booklet-Schnickschnack und Liner Notes – erhältlich als CD-Box oder im Vinyl-Schuber. Ein neues Album, allerdings ohne Gründungsmitglied Florian Schneider, steht für 2010 in Aussicht.




www.kraftwerk.com
 


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