Dienstagnachmittag in Beaver Creek, Colorado. Das erste Training für die zweite Weltcup-Abfahrt der Saison 2011/12 wurde gerade abgesagt, die „Birds of Prey“ war zu gefährlich. Didier Cuche, 37, der beste Abfahrer der Gegenwart, hat Zeit für einen Kaffee mit seinem Ex-Kollegen Marco Büchel, 40. Es entwickelt sich ein bemerkenswertes Gespräch über Lust und Wahnsinn der Abfahrt im Allgemeinen und der Kitzbüheler Streif im Speziellen.
Marco Büchel: In der laufenden Saison erwarten uns keine Weltmeisterschaften, keine Olympischen Spiele … darf ich raten, was der Höhepunkt deiner Saison ist?
Didier Cuche: Marco, du fragst einen Schweizer!
Büchel: Ich weiß … Wengen ist für dich als Schweizer – und war auch für mich als Liechtensteiner – immer das große Heimrennen. Du hast am Lauberhorn noch nie gewonnen, die ganze Schweiz erwartet endlich diesen einen Sieg. Aber ich vermute mal: Dein Highlight der Saison ist trotzdem Kitzbühel. Die Streif.
Cuche: Mhm. Ja, ich glaube schon.
Büchel: Erkläre uns diese Faszination von Kitzbühel, aus der Sicht eines Läufers.
Cuche: Da gibt es viele Dinge. Nur ein kleines Beispiel: Ist dir aufgefallen, dass es in keinem anderen Starthaus so still ist? In Kitz macht niemand Spaß am Start, es ist auch ganz wenig Funkverkehr. Alle Betreuer sind extrem ruhig und achten nur darauf, dass sie niemandem im Weg stehen. Die Atmosphäre ist anders. Der Druck ist größer. Du fühlst dich wie ins Eck gedrängt. Du weißt: Du musst jetzt über dich hinauswachsen.
Büchel: Mehr als bei jeder anderen Abfahrt?
Cuche: Glaube ich schon. Man sucht bei jeder Abfahrt der Saison sein Limit, bei jeder Kurve, bei jedem Sprung. Aber die Spannung am Start ist nirgends so wie in Kitzbühel. Du weißt, dass du ein sehr hohes Risiko eingehst, dass du dir keinen Fehler erlauben darfst. Klar, es gibt den Mittelteil, der eher eine normale Abfahrt ist, aber du hast 35 Sekunden oben und 35 Sekunden unten, die sind extrem. Der Grat ist hier noch schmaler als überall anders.
Büchel: Du hast drei der letzten vier Speed-Rennen in Kitzbühel gewonnen, davon die letzten beiden Abfahrten. Was machst du besser als die anderen?
Cuche: Ich glaube, dass mich dieser Druck besser macht. Je mehr Druck sich um mich aufbaut, desto mehr kann ich abrufen, was ich in mir habe. Ich bin auf der Streif noch aufmerksamer bei der Besichtigung, noch präziser im Kopf, wenn ich mir die Fahrt vorstelle vor dem Lauf.
„1996, beim ersten Training, wollte ich vor lauter Angst gar nicht in die Starthütte.“
Büchel: Diese extreme Stimmung im Ort – lenkt die einen Fahrer nicht ab?
Cuche: Im Gegenteil. Man muss sie genießen. Einer, der sich nur im Zimmer einsperrt und nicht die verrückte Luft von Kitzbühel schnuppert, der ist hier falsch. Das Crescendo vom Training, dass es während der Woche immer mehr Leute werden, dann der Wahnsinn am Wochenende im Dorf und im Ziel, das muss man wahrnehmen und mitnehmen.
Büchel: Bereitest du dich speziell auf Kitz vor? Gehst du etwa im Sommer zur Strecke, wie das manche Läufer machen?
Cuche: Im Sommer war ich nur bei der Gondel-Einweihung (die Gondeln der Hahnenkammbahn werden nach Kitzbühel-Siegern benannt; Anm.) in Kitzbühel, wo wir uns ohnehin getroffen haben (auch Büchel ist Gondel-Namensgeber; Anm.). Nach der Karriere werde ich im Sommer mal nach Kitzbühel gehen, die neun Löcher im Zielgelände golfen. Aber jetzt nicht. Ich bin keiner, der sich speziell auf ein Rennen vorbereitet. Ich glaube nicht, dass man irgendetwas über zehn Monate planen kann für zwei Minuten. Der Druck, den man auf sich selber aufbaut, wird irre.
Büchel: Erinnerst du dich an dein erstes Mal Kitzbühel?
Cuche: Besser, als mir lieb ist, obwohl es schon fast 16 Jahre her ist. 1996, beim ersten Training, wollte ich vor lauter Angst gar nicht in die Starthütte. Als ich dann drin war, wollte ich hinten wieder raus. Die Coaches haben sich amüsiert über den Junior, der sich vor Nervosität in die Hose macht, aber mir war gar nicht nach Lachen zumute. Ich wollte mit der Gondel wieder runterfahren.
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