DJ_Premier © Wired Images

DJ Premier hat die HipHop-Kultur zwei Dekaden lang geprägt wie kaum ein anderer. Und sieht dennoch keinen Widerspruch darin, sowohl Jay-Z als auch The Smiths zu mögen.

„Hier spricht DJ Premier. Du kannst mich Premo nennen. Oder P-P-P-Premier“, sagt eine tiefe, körnige Stimme mit Brooklyner Akzent am anderen Ende der Leitung. Die transatlantische Telefonverbindung ist schlecht, macht Premiers Stimme noch kratziger als sonst. Während des Gesprächs bricht sie dreimal ab. Doch die HipHop-Legende zeigt Geduld: Jedes Mal hebt er von neuem ab, ist gut gelaunt und findet stets gleich zurück ins Gespräch.

DJ Premier alias Christopher E. Martin hat East-Coast-HipHop in den neunziger
Jahren revolutioniert. Für Genre-Klassiker wie Notorious B.I.G.s „Ready to Die“, Jay-Zs „Reasonable Doubt“, Nas’ „Illmatic“ sowie seine Platten mit Gang Starr hat er die Beats gebastelt.

Seine verwaschen-souligen Samples sowie die unverwechselbaren Drumsounds definieren das „Golden Age“ des HipHop. Das Geheimnis seines Erfolgs? Er ist an die Wurzeln seiner Kultur zurückgekehrt, hat die Originale von Disco bis Soul aufgesogen, wie er im Interview verrät.

Du hast so viele legendäre Beats produziert, welcher gefällt dir selbst am besten?
Meine Beats sind meine Kinder. Ich habe da keinen Liebling, zu den meisten empfinde ich noch immer eine starke emotionale Bindung. Aber einer meiner gelungensten ist wohl „Next Time“ vom Gang-Starr-Album „Moment of Truth“. Zu der Zeit, als ich den Track gebastelt habe, starb mein Buchhalter, einer meiner besten Freunde. Guru (Premiers Gang-Starr-Partner, Anm.) wusste um meine Trauer und fand dafür sehr passende Worte in seinen Lyrics. Ein anderes persönliches Highlight ist „Mass Appeal“, das ich eigentlich als Parodie geplant und nur produziert hatte, um zu zeigen, wie seicht ein Song sein muss, um ins Radio zu kommen – der aber gleichzeitig einer meiner größten Erfolge war.

Du bist schon so lange dabei. Was macht die Magie von HipHop aus, die dich immer noch hinter die Turntables lockt?
HipHop ist eine Kultur, nichts für nebenbei. Natürlich macht HipHop Spaß, aber du solltest kein Schindluder damit treiben. Es gibt so viele Leute, die so tun, als würden sie dazugehören, als würden sie die Kultur verstehen. Dabei verstehen sie gar nichts.

Von wem sprechen wir da konkret?
Da gibt’s so viele, ich könnte dir eine ganze Liste schicken! Diesen Monat werde ich 44 (am 21. März; Anm.), ich bin mit den originalen Soul- und Funk-Platten aufgewachsen. Scratchen und Cutten, das gab’s damals noch nicht. Aber als ich mit zirka elf Jahren einen DJ gesehen habe, der seine Platten bearbeitet hat, wusste ich sofort, diese neue Musik, die hat etwas.

Bleiben wir bei den Anfängen von HipHop. Hat die frühe Street-Culture deine Musik direkt beeinflusst?
Definitiv. Früher war ich oft mit meinem Großvater am Times Square, um mir die B-Boys aus Harlem anzuschauen. Zu der Zeit gab’s dort noch Pornokinos sowie Kinos, in denen billige Karatefilme gezeigt wurden. Es waren übrigens diese Kinos, in denen die Wu-Tang-Clan-Mitglieder ihre Liebe zu Kung-Fu entdeckt haben. Aber all das sind heute nur noch Erinnerungen, weil Bürgermeister Giuliani das Gesicht des Platzes verändert hat, um mehr Platz für die Touristen zu schaffen. Es ist okay, aber eigentlich hat er damit einen wichtigen Teil des Stadtbildes einfach weggefegt. Mit meiner Musik versuche ich die Erinnerung an diesen echten, rauen Teil aufrechtzuerhalten.

Dennoch arbeitest du mit Mainstream-Künstlern wie Christina Aguilera oder Kanye West. Schadet der Mainstream eigentlich dem wahren HipHop?
Zuallererst: Wenn du dir Kanyes Arbeitgenau ansiehst, wirst du sehen, dass er sich sehr darum bemüht hat, alte Samples zurück in den HipHop zu bringen, die Rückkehr zu den Wurzeln wieder cool zu machen. Und das, obwohl er eher die Mainstream-Schiene fährt.

Auch wenn er zuletzt auf Electro-Sounds gesetzt hat, damit ist er durch. Du wirst dich wundern, wenn du sein neues Album hörst. Aber versteh mich nicht falsch, der Synthesizer hat schon immer eine wichtige Rolle im HipHop gespielt. Die Cold Crush Brothers beispielsweise haben bereits 1983 eine Punk-Rock-Rap-Platte rausgebracht, die auf Synths basierte. Und genau darum ging es, Scheuklappen gab’s damals nicht. Wir hörten Punk Rock, New Wave, die Psychedelic Furs oder Siouxsie & The Banshees. Wir hörten auch The Smiths …

Moment. Die sensible, intellektuelle Gitarren-Band The Smiths?
Ich mag ihre Songs. „William, It Was Really Nothing“, „I Want the One I Can’t Have“. Einer ihrer besten ist „What Difference Does It Make?“, genialer Song!

So etwas von dem Mann zu hören, der B.I.G.s „Ten Crack Commandments“ produziert hat, verwundert ein wenig …
Ich verlange von Musik Authentizität. Wenn es mal notwendig ist, über Gewalt zu rappen, dann ist das okay. Dennoch versuche ich, die Jugend mit meiner Musik zu bilden. Schließlich werden sie später den Ton angeben. Und ich möchte mir nicht vorwerfen müssen, ihnen nicht gesagt zu haben, was die wichtigen Dinge im Leben sind, wie ernst die ganze Sache ist …

 

Die Verbindung bricht erneut ab, doch jetzt ruft Premier nicht zurück.
Nicht schlimm: Es ist alles gesagt.

DJ Premiers Radioshow „Live From HeadQCourterz“
läuft jeden Freitag zwischen 22 und
24 Uhr auf www.xmradio.com


DJ Premier hört ihr auch auf
www.redbullmusicacademyradio.com
 


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