mia © Red Bull Music Academy

Popmusik mit Rückgrat, Tanzen mit Attitude: M.I.A. ist kein Hollywood-Sternchen. Die Musikerin redet im Studio über ihre Mutterschaft, Wal-Mart-Mode und texanischen Rave.

Eric Senman, ein höflicher, zurückhaltender Brillenträger, sitzt am Mischpult des Red Bull Studios in Los Angeles. Seit Minuten starrt der Tontechniker geradeaus durch die Glasscheibe in die leere Aufnahmekammer. So gebannt, als würde er von der Brücke der „Enterprise“ in die Weiten des Weltalls blicken.

Es ist später Vormittag. Wir fläzen uns auf einer braunen Ledercouch, um uns die abgedämpften blauen Wände des fensterlosen, klimatisierten Studios. Von außen wirkt das Gebäude so teuer wie unscheinbar. Ähnlich wie die meisten anderen Bürohäuser in der Gegend. Doch die Welt hier drinnen ist eine abgekapselte, eine andere.

Während draußen in Los Angeles die Mittagssonne mit ihrem Licht Milliarden Smogpartikel in wirbelnde, mikroskopisch kleine Konfetti verwandelt, und am Santa Monica Freeway die Autos vorbeidonnern, herrscht in diesem Mikrokosmos andächtige Stille. Der Computerbildschirm surrt leise vor sich hin, eine digitale Aufnahmekonsole brummt, während sie hochfährt. Wir trinken Kaffee. Und warten.

„Es werden heute nicht mehr viele so gut ausgestattete Studios gebaut“, erklärt Senman, „wegen der Krise, in der die Musikindustrie steckt. Eine Menge junger Bands könnte es sich niemals leisten, mit derart gutem Equipment aufzunehmen. Das ist schon eine tolle Gelegenheit, die Red Bull jungen Musikern hier bietet.“

Dann wird er unterbrochen. Ein beschwingter, unverkennbarer Südlondoner Akzent durchbricht die Stille. Es sind M.I.A. und ihr Assistent. Die beiden poltern durch die Studiotür, kichern. Als sie erkennen, dass wir hier sind, halten sie inne, räuspern sich und lächeln.

„Hallo. Ich bin M.I.A.“

Dafür, dass Maya Arulpragasam alias M.I.A. von Musikmedien als Hipster-Prinzessin gefeiert wird, wirkt ihr Outfit heute fast etwas bieder. Schwarzes Shirt, schwarze Hose. Allein ihre Goldkette und die weißen Stöckelschuhe deuten auf ihren Status als Fashion Icon hin. Obwohl auch diese beiden Accessoires draußen auf der Straße als modischer Fauxpas angesehen würden.

„Ich kauf meine Kleider jetzt nur mehr bei Wal-Mart“, sagt M.I.A., „und rebelliere gegen die Rebellion, gegen all die Lady Gagas da draußen. Und werde so langweilig ausschauen, dass alle schockiert sind.“

Sie lächelt. So als wolle sie herausgefordert, zur Rede gestellt werden. M.I.A. liebt es anzuecken, das war schon immer so. Allerdings hat sich die Britin in den letzten fünf Jahren von einer Außenseiterin in Everybody’s Darling verwandelt. Ohne aber ihre Kanten abzulegen. Medien bezeichnen sie als Querdenkerin, als Nonkonformistin aktueller Popmusik.

Die Londoner Sängerin mit sri-lankischen Wurzeln hat zwei Alben veröffentlicht: „Arular“ (2005) und „Kala“ (2007). Ihre Cut ’n’ Paste-Dancemusik ist mit Samples gespickt, bedient sich großzügig am musikalischen Genre-Buffet, macht auch vor Weltmusik nicht halt. Ganz im Gegenteil: M.I.A. entstaubt den esoterisch behafteten Unbegriff und bringt ihn zurück in den Club.

Was die Londonerin gegenüber Räucherstäbchen-Bands auszeichnet: Sie hat Geschmack, Gespür und Geschick. Mit ihren Partnern Wes „Diplo“ Pentz und Dave „Switch“ Taylor holt sie übersehene Genres wie die traditionelle tamilische Musik aus Sri Lanka ans Tageslicht oder verhilft australischen Aborigine-Musikern zu breiterer Öffentlichkeit.

„Ich komme ja von der visuellen Kunst. Die ersten beiden Alben sind eigentlich nur deshalb entstanden, weil ich eine neue Herausforderung gesucht habe“, sagt Arulpragasam, die vor ihrer Musikkarriere am St. Martin’s College of Art and Design in London studiert hat.

„Damals war Bush an der Macht, und du konntest nicht sagen, was du wolltest. Die Mainstream-Kultur war superlangweilig. Ich war entschlossen, dem etwas entgegenzusetzen, etwas …“, M.I.A. pausiert, überlegt kurz, „ich wollte den Leuten einfach etwas geben, das ihnen genug Selbstvertrauen vermittelt, selbst aktiv zu werden und eigene Musik zu machen.“

Nun arbeitet sie im Red Bull Studio an ihrem dritten Album. Dem Album, das sie als Wendepunkt ihrer Karriere betrachtet. „Auf dieser Platte ist es mir noch wichtiger, dass meine Stimme präsent ist. Keine Gimmicks mehr, keine Tricks. Ich möchte mich endlich der Frage stellen: Bin ich Musikerin oder nicht? Und falls nicht, dann nichts wie raus aus dem Geschäft.“

Es erscheint spät, sich diese Frage bei Album Nummer drei zu stellen. Und etwas unpassend, schließlich hat ihr die Single „Paper Planes“ von ihrer Platte „Kala“ Grammy- und Oscar-Nominierungen eingebracht. Die Produzenten dieses Stücks, Diplo und Switch, sind auch hier in Los Angeles mit von der Partie. Die Zusammenarbeit funktioniere perfekt, meint M.I.A. Weil die drei seit dem ersten Album in puncto Radikalität ähnlich ticken. So hat das Trio erst wenige Tage zuvor neues Terrain betreten und sich eine Country-Band ins Studio geholt.

„Wir waren gerade draußen und haben eine Zigarette geraucht“, erzählt Switch, „als wir plötzlich einen Rockabilly-Straßensänger singen hörten. Wir grinsten uns an. Und wenig später stand seine ganze Band bei uns im Studio.“

„Ich brauchte sie für einen texanischen Rave-Song“, fügt M.I.A. hinzu, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Und ihr Kollege Diplo ergänzt: „Wir versuchen immer, die Dinge genau andersherum zu machen. M.I.A. kommt zum Beispiel mit einem Beat, wir haben einige Textzeilen. Zu dritt albern wir damit herum und entführen dann eben eine Country-Band in unser Studio. Das zeichnet unsere Chemie als Trio aus: Wir hoffen auf seltsame Zufälle, bauen auf musikalische Pannen.“


In den USA hat die Religion Popmusik eben andere Sakramente: Partys, Geld und vor allem Hip-Hop. M.I.A.s lockere Alles-mal-ausprobieren-Attitüde passt hier besser ins Bild als in ihrer Heimat zwischen konservativen britischen Indie-Rock-Snobs.

„Es war seltsam, weil ich mich gar nicht angestrengt hab, gut anzukommen“, sagt sie und lacht.
In den USA sind einige Rapper ja im Ghetto aufgewachsen, M.I.A. aber verbrachte die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Sri Lanka – im Bürgerkriegsgebiet. Ihre Familie floh Mitte der neunziger Jahre von dort, weil der Vater Mitglied der Rebellen war. M.I.A. spricht regelmäßig darüber in den Medien, kritisiert die systematische Gewalt gegenüber den Tamilen, einer ethnischen Minderheit in Sri Lanka, durch die dortige Regierung.

„Ich denke, dass meine Flüchtlingsvergangenheit sehr wichtig ist für meine künstlerische Identität. Für mein Leben insgesamt. Oft genug habe ich wochenlang auf Couches von Bekannten übernachtet. Oft bestand mein Outfit aus Billig-Klamotten und Leihgaben von Freunden. Manche Leute haben meinen Style damals als ‚aufregend eklektisch‘ bezeichnet. Obwohl es für mich total natürlich war. Wenn ich heute etwas anhabe, dann gibt’s das zwei Wochen später bei American Apparel. Die sind heute so schnell!“, sagt sie und lacht.

Mittlerweile lebt M.I.A. in Los Angeles, ihr erstes Kind kam vor wenigen Monaten auf die Welt. Obwohl ihr Sohn halber Amerikaner ist, kann M.I.A. die USA wegen ihres familiären Backgrounds derzeit nicht verlassen. Aus Angst, nicht mehr einreisen zu dürfen. „Leider wird mein Heimatland hier als controversial eingestuft. Was fürchterlich ist, weil das überhaupt nicht der Wahrheit entspricht!“

„Arular“ war eine Hommage an ihren Vater, „Kala“ ist der Name ihrer Mutter. Vielleicht gibt ihr ja nun die Geburt ihres Sohnes Inspiration? „Die Leute fragen jetzt schon: Heißt die neue Platte diesmal wie dein Kind?“, sagt sie und verdreht die Augen.

„Aber ich weiß das noch nicht, ich hasse es, Dinge zu planen. Ich könnte sie vermutlich nach ihm benennen.“ Dann setzt sie wieder zu einer dieser kurzen Denkpausen an. Und lächelt. „Nein, ich möchte sein Leben nicht bereits jetzt ruinieren.“



M.I.A.s Gezwitscher und News zum neuen Album gibt’s auf: www.miauk.com/info

Die Red Bull Studios in L. A.: www.redbullstudiousa.com


Die Red Bull Studios in Santa Monica, eine technisch wie akustisch perfekt ausgestattete Brutstätte für neue Sounds, sind eine Institution, die Acts wie Hip-Hop-Superstar Nas (oben) oder Newcomer wie The Cab für ihre Plattenaufnahmen nutzen. Von Letzteren noch nichts gehört? Nun, genau darum geht’s. Die Red Bull Studios fühlen sich vor allem dem Nachwuchs verpflichtet. Den Stars von morgen eben.
 


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