Massive Attack Heligoland

 

Massive Attack sind wieder da und sie sind wieder zu zweit: 3D und Daddy G veröffentlichen im Februar ihren fünften Longplayer Heligoland.
 
Als eines der musikalischen Flaggschiffe Britanniens sind Massive Attack bereits seit unglaublichen 23 Jahren auf den sieben Weltmeeren unterwegs. Die meisten Seemeilen legten sie dabei unter zerfetzten Segeln und mit meuternder Mannschaft zurück: Ihre Crew dezimierte sich aufgrund persönlicher und musikalischer Differenzen vom ursprünglichen Netzwerk aus Beat-Bastlern (Nellee Hooper, Andrew „Mushroom“ Vowles), Stimmkünstlern
(Shara Nelson, Tracy Thorn, Horace Andy), DJs (Milo, Daddy G) und MCs (Willie Wee, Tricky) zum Ein-Mann-Unternehmen von Gründungsmitglied Robert „3D“ Del Naja.
 
1987 aus dem losen Reggae- und HipHop-orientierten Soundsystem The Wild Bunch entstanden, legte Massive Attack aus St Paul, dem karibischsten Bezirk Bristols, die wichtigsten Skizzen zum Sound der Neunziger Jahre vor. Mit Blue Lines, Protection und Mezzanine entstanden drei der vielschichtigsten und wegweisendsten Platten der Dekade, voll smarter Texte zur Lage der Generation, luxuriöser Klaustrophobie, cinematischer und echogesättigter Klangräume, böser Bässe und böser (Dub-)Blumen. Im Jahr 2002 saß dann (nach dem Abgang von Daddy G) der als sozial ebenso engagierte wie schwierig geltende 3D allein an der Studioarbeit zu 100th Window.
 
Das nächste, fünfte Album war bereits für 2004, 2005, 2007, 2008 und nun 2010 angekündigt. Doch weil es Massive Attack seit jeher um die Kunst geht und nicht um die Exekutierung von Marketingplänen, blieb das Projekt solange im digitalen Brutkasten bis es reif genug war, um auf die Welt losgelassen zu werden. Der Reifungsprozess war mit Beendigung des Masterings im November 2009 abgeschlossen und die „LP5“ steht ab 8. Februar in den Plattenläden, wie Produzent Neil Davidge verlauten ließ.
 
Fan-Spekulationen wiederum ließen verlauten, dass das Album Hell Ego Land heißen würde, nach dem winzigen Nordsee-Archipel Helgoland (engl. Heligoland). In nebeliger Vorzeit Heyligeland, also Heiliges Land genannt, war es der Sitz von Forseti, des nordischen Gottes der Gerechtigkeit. Zudem lässt der Name eine Reihe von Doppelbedeutungen und Anagrammen zu. Sehr zur Freude des hyperkreativen 3D: „Man kann Hell Ego Land draus machen, oder einfach nur Legoland.“
 
 
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Ähnlich wie das Album, an dem vier Jahre lang getüftelt, komponiert und gemixt wurde, ist auch das heutige Helgoland aus verschiedenen natürlichen Erosionen und künstlichen Umgestaltungen entstanden: Nach langen Jahren dänischer Besiedlung, kam es zwischen 1945 und 1952 unter britische Herrschaft und wurde von der Royal Navy zu gigantomanischen Sprengübungen benützt. Nach der Detonation der größten nichtnuklearen Bombe (6.800 Tonnen Sprengkraft), bekannt auch als „British Bang“, wurde das schwer missbrauchte Eiland höflich an den Kriegsverlierer Deutschland weitergereicht.
 
Und genau wie das Album war die Insel im 19. und frühen 20. Jhdt. ein seltsamer Salon für durchreisende Künstler: Anton Bruckner erholte sich an der milden Meeresluft, August Strindberg und Nazi-Regisseurin Leni Riefenstahl waren ebenso Gäste wie Filmpionier F.W. Murnau, der die Hafenszene seines Proto-Vampirfilms Nosferatu dort drehte. Dann war da noch das Filmteam um John Malkovitch und Willem Dafoe, deren Shadow of the Vampire (2002) Murnaus Dreharbeiten fiktionalisierte und, laut Daddy G, Anlass zur Wahl des Albumtitels war.
 
Auch in der Zeit zwischen 100th Window und Heligoland waren Massive Attack alles andere als faul. Daddy G verlegte sich hauptberuflich aufs Plattenverlegen (seine Selection für die DJ-Kicks-Serie von K7! sollte heute noch in keiner Vinyl-Schatzkiste fehlen) und auf seine Pflichten als, nun ja , Daddy. 3D machte sich als bildender Künstler und Filmkomponist (für die Soundtracks von In Prison My Whole Life, auf dessen Song Calling Mumia Snoop Dogg rappt, Gomorra, Battle in Seattle und Trouble the Water, das eine Oscarnominierung für die beste Musik erhielt) einen Namen.
 
Zwischen ihren Solo-Projekten rauften sich die beiden Haudegen 3D und Daddy G immer wieder zusammen um als Massive Attack zu touren und an neuen Songs zu werken. Dazu fand sich auch wieder eine illustre Riege von Stimmkünstlern in 3Ds 100 Suns-Studio in Bristol ein: Tunde Adebimpe von TV On The Radio, Blur-Mastermind und Meta-Gorilla Damon Albarn, Elbows Guy Garvey und Hope Sandoval (ex-Mazzy Star) mit ihrem glühenden und zugleich zerbrechlichen Timbre. Mit der rätselhaft-flamboyanten Martina Topley-Bird (lange Zeit Trickys musikalisches Alter Ego) konnte eine ursprüngliche Künstlerpersönlichkeit aus den frühen Bristoler Tagen an Bord geholt werden.
 
Auch Reggae-Legende Horace Andy, bekannt für seinen oszillierenden Falsettogesang, ist wieder auf zwei Stücken zu hören. Daddy G mit seinem teerig-relaxten Toasting und 3Ds brandgefährliches Psycho-Geflüster vervollständigen den Trademark-Sound von Massive Attack. Die Tracks selber sind nach wie vor schwer hypnotisch: Giftige Gebräue, die man schon drei-, viermal kosten muss bevor sich ihre erhebende Wirkung entfaltet. Psyche und Pray For Rain sind meisterliche Beispiele dafür. Die Produktion ist wesentlich wärmer und weniger hermetisch als ihr aseptischer Vorgänger 100th Window. Als Gesamteindruck ist Heligoland ähnlich einer Rose, an deren dornigem Stiel das Auge emporwandert, bis sich in aller Pracht eine dunkle Blüte entfaltet.
 
 
3D: „Dieses Album ist eine Gemeinschaftsarbeit und deshalb auch leichter zugänglich. Trotzdem sind auch bizarre und hermetische Stücke wie „Flat of the Blade“ dabei. Wir sind ein Haufen Typen, die anfänglich Stücke anderer Künstler als Collagen verarbeitet haben und sich immer mehr eigenständigen kompositorischen Arbeiten zugewandt haben. Aber es ist auch nicht so, dass wir uns hinsetzen und ein „Konzeptalbum“ entwerfen; wir basteln einfach an verschiedenen Stücken und sehen zu wie sie im Gesamtkontext zusammenpassen.“
 
Live zählen Massive Attack zu jenen Acts, die das Publikum mit ihrem mächtigen Sound mitten in den Solarplexus treffen. Ihre Shows im Brighton Dome und im Londoner Hammersmith Apollo sind bereits jetzt ausgebucht, im Februar und März wird weiterhin mit dem neuen Album in UK getourt, eine Welttournee steht später im Jahr an. Wieder als optischer Backdrop mit dabei: die einfach-effektiven Halogen-Jalousien aus gleißendem Licht und das digitale Schriftband, auf dem scheinbar nebenbei ebenso heftige wie subtile Botschaften vorüberziehen. Nochmals 3D: „Der Backdrop-Screen ist fixer Bestandteil von Massive Attack. Wir haben aber nicht die Absicht eine Live-DVD herauszubringen. Besser, ihr kommt zum Konzert!“
 
Ein Fireside Chat mit Massive Attack auf Red Bull Music Academy Radio gibt es hier.

Das Video bzw der Kurzfilm zur neuen Single "Paradise Circus" ist auf der Website von Massive Attack zu sehen.

 


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