Red Bulletin

Jon Olsson

Olsson und Freunde im Höhenrausch Foto: Klaus Polzer

Jon Olsson gehört seit einem Jahrzehnt zu den besten Freeskiern der Welt. Für 2014 hat sich der umtriebige Schwede ein besonderes Ziel gesteckt: Er will sich für den olympischen Slalombewerb qualifizieren.

Weihnachten 2009, ganz früh am Morgen. Jon Olsson sitzt in einer nahezu menschenleeren Heli Ski Lodge in Galena, irgendwo im Nirgendwo von British Columbia, und hackt in seinen Laptop. Wenn er die Augen hebt, fällt sein Blick durch die Fenster auf die himmelhohen, schneebedeckten Berge. Der Heli vor der Tür wartet nur darauf, Jon und seine Mannen zu diesem gigantischen Spielplatz voll unberührter Tiefschneehänge zu bringen, ein Traum für jeden Skifahrer. Für Jon hingegen ist es ein ganz normaler Tag im – na ja – Büro, Weihnachten hin, Pulverschnee her.

Das Besondere ist ganz normal bei Jon Olsson. Der Sportler aus Mittelschweden ist nicht nur ein Superstar, er sieht auch wie einer aus. Die blonde Mähne fällt ihm bis auf die Schultern, er hat den Körper eines Athleten und das Charisma eines Filmstars, ist braungebrannt und trägt ein strahlend weißes Lächeln in die Welt. Die blendende Optik darf aber keinen Moment darüber hinwegtäuschen, dass Jon seit einem Jahrzehnt weltweit den Ton bei den Freeskiern angibt, radikal, mutig und innovativ.

Jon Olsson ist 27 Jahre alt, und er steht auf Skiern, solang er denken kann. Was Wunder auch: Er stammt aus Mora, einer der bedeutenderen Skiregionen in Schweden. Olssons ganze Familie ist skiverrückt. Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Hans zum Beispiel ist einer der Top-Ten-Abfahrer im Weltcupzirkus, der erste Sieg ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Hans’ Rolle wäre eigentlich für Jon gedacht gewesen, immerhin war der als Kind eines der ganz großen Talente im schwedischen Rennteam. Man traute ihm schon früh zu, das Erbe des großen Ingemar Stenmark zu schultern. 1999 holte Jon sich wie selbstverständlich den Titel des schwedischen Juniorenmeisters im Slalom. Trotzdem war er am Anfang des nächsten Winters aus allen Kadern geflogen. Was war geschehen? Anstatt im Training brav Stangen und Tore zu fressen, wie man das von einem Racer erwartet, hatte sich Jon regelmäßig ins Hinterland verzogen und dort auf Kickern rumgetrickst. Pfui!, befand der Verband und eliminierte den Luftikus.

Just zu dieser Zeit emanzipierte sich der Skisport vom braven Pistengewedel und schaute sich Elemente vom Snowboarden ab: Freeskiing wurde geboren, oder „Modern Freestyle“, wie Jon Olsson es nennt. Er war 17 Jahre alt, als er die engen Rennanzüge aus- und das stylische Freestyle-Gear anzog. Nur wenige Jahre später war er einer der bestimmenden Namen im Freeskiing. Er hatte Zuschauer in Filmen aller maßgeblichen Producer verblüfft und die Siegespodeste aller relevanten Contests von oben gesehen: X Games, US Open, World Superpipe Championships. Die von ihm kreierten Tricks haben den Sport auf ein neues Niveau gehoben, wieder und immer wieder. „Das hat mir stets die meiste Befriedigung verschafft: etwas zu tun, das noch kein Mensch vor mir zuwege gebracht hat“, räsoniert Jon auf der Heli Lodge.

"Das hat mir stets die meiste Befriedigung verschafft: etwas zu tun, das noch kein Mensch vor mir zuwege gebracht hat."

Mehr an Statistik orientierte Menschen würden vielleicht sein X-Games-Gold beim Big Air im Jahr 2008 als Highlight nennen, auch wenn das nicht Jons erste X-Games-Goldmedaille war: Diese stammt aus dem Halfpipe-Contest von 2002. Das Besondere am 2008er-Gold war, dass er noch immer da war, noch immer an der Spitze: Die Jungen kamen und gingen, doch Jon Olsson war jener Mann geblieben, den es zu schlagen galt und an dem die anderen zerbrachen.

„Jon ist ein Phänomen“, sagt deshalb auch Mattias Fredriksson, Legende unter den Ski-Fotografen und seit frühen Tagen mit Olsson unterwegs. „Mit extremer Hartnäckigkeit und enormem Fleiß hält er sich seit zehn Jahren ganz oben in der Freestyle-Welt.“
Daheim in Schweden gibt es genau zwei Skifahrer, die es punkto Popularität mit Olsson aufnehmen können: Ingemar Stenmark natürlich, dann noch die supererfolgreiche Anja Pärson. In den Augen der jungen Skifahrergeneration, die mit Jumps statt Toren aufgewachsen ist, hat er die beiden längst übertroffen.

Sein Skifahren hat Jon Olsson finanziell unabhängig gemacht, das ist kein Geheimnis. Die Industrie reißt sich darum, mit ihm zusammenzuarbeiten. Sein Lifestyle ist der einer internationalen Celebrity. Als Beispiel dafür mag sein Auto gelten: Wo andere Skifahrer aus plumpen Minivans und SUVs klettern, federt Olsson aus seinem neongelben Lamborghini Murciélago LP 670 SV. „Er hat Allrad und eine maßgeschneiderte Skibox“, grinst Jon, spricht man ihn auf mögliche Praxisferne an. „Wo ist das Problem?“ Ein Zwölfzylinder ist 365 Tage im Jahr die bessere Wahl als ein scheppernder Vierzylinder-Diesel, das ist es wohl, was er uns damit sagen will.

Freilich musste sich auch Monsieur Olsson, der längst steuerschonend in Monaco wohnt, diese Position verdienen. Selbst wenn dich das Schicksal mit Talent bedacht hat: Etwas daraus zu machen, das ist deine eigene, höchstpersönliche Sache. Keiner weiß das besser als er.

Im Winter 2006 etwa erlitt er einen massiven Knacks, seine Moral war am Tiefpunkt, die Karriere massiv gefährdet. Egal, welchen Trick er auch versuchte, er landete am Hintern – bestenfalls. „Ich hatte Selbstzweifel, die stärker und stärker wurden. Ich stand oben am Berg und stellte mir vor, dass ich den nächsten Trick schon wieder am Kopf landen würde – was ich natürlich prompt tat. Eine radikale Lösung musste her.“ Diese radikale Lösung rettete nicht nur seine Karriere, sie hob sie auf einen neuen Level.

Während die Welt schon auf Jons Rücktrittspressekonferenz wartete, buchte der einen Flug nach Australien. Im Hinterland von Melbourne entdeckte er eine abbruchreife Wasserschanze, ihr morastiges Landebecken war voller Blutegel. Hier würde niemand den glamourösen Superstar vermuten. Unter Aufsicht eines stimmgewaltigen Coachs erarbeitete sich Olsson einen Trick, der die Skiwelt aus den Angeln heben würde. Einen Monat später, bei einem Contest in Åre, ließ er die Katze zum ersten Mal aus dem Sack, und statt am Kopf landete sie auf zwei Beinen, ganz wie es sich gehört: zwei Backflips mit zweieinhalb integrierten Schrauben, also rückwärts gelandet.

Müßig zu sagen, dass er den Contest um Hauslängen gewann. In Gedenken an den australischen Sumpf, aus dem er sich gewissermaßen am eigenen Schopf gezogen hatte, taufte er den Trick „Kangaroo Flip“.

„Die anderen Jungs brachten ihre Münder nicht mehr zu. Dieses Gefühl konnte alles – es war das beste, das es gibt. Es war einer jener kostbaren Momente, nach denen ich eine Zeitlang völlig zufrieden mit mir selber bin“, erinnert sich Jon an diesen Abend in Åre. Die Zufriedenheit dauerte genau zwei Wochen. Dann hatte ein Youngster den Trick kopiert und das Video davon auf YouTube gestellt. Jetzt war Jon wieder am Zug, als Nächstes würde er mit einem noch radikaleren Trick kontern müssen.

So funktioniert die Welt des Freeskiing: Du kannst dich nie zurücklehnen, es geht immer weiter.

So funktioniert die Welt des Freeskiing: Du kannst dich nie zurücklehnen, es geht immer weiter. Die Kids lernen schnell, Geheimnisse bleiben nicht lang geheim. Längst hat die Globalisierung im Backcountry Einzug gehalten.

Jon entwickelt sich jedoch nicht nur als Sportler weiter, sondern auch als Unternehmer. „Jon“ ist längst ein Markenzeichen im Extremsport-Business, desgleichen „Yniq“, seine Linie extrem stylischer und hochwertiger Skibrillen.

Seit mittlerweile fünf Jahren organisiert er außerdem seinen eigenen Event, die Jon Olsson Super Sessions, eine einwöchige Kombination aus Big-Air-Competition und Filmcontest in Åre, Schwedens größtem Ski-Resort. Das Ding entstand aus Jons Unzufriedenheit: Die Rider hatten für seinen Geschmack nicht genug Einfluss auf große Events wie die X Games, die Veranstalter gingen Kompromisse ein, folglich konnten die Sportler nicht zeigen, was sie tatsächlich draufhatten. Gesagt, getan: Bei den Jon Olsson Super Sessions steht der Rider im Vordergrund und niemand sonst.

Das Unternehmen ist riesig, und wo Jon Olsson draufsteht, ist auch Jon Olsson drin. Er kümmert sich persönlich um Sponsoren, Medien, Fotografen, Filmer, die Betreuung seiner Kollegen – VIP-Style, versteht sich. Wenn es Not tut, schaufelt er eigenhändig an den XXL-Kickern rum, bis alles perfekt ist.

300 Tage im Jahr auf Achse, täglich gepflegter Blog, extrem populärer Video-Blog mit fix engagiertem Junior-Filmer auf hohem Niveau: Wie geht sich das alles aus? „Ich habe einfach die Uhr verdreht“, verrät Jon das Geheimnis. „Um sieben bin ich im Bett, dafür stehe ich auf, bevor es hell wird. So bleiben mir ein paar Stunden für die Arbeit, bevor es Zeit wird, Ski fahren zu gehen.“ Sollten Sie also in nächster Zeit um halb fünf in der Früh ein Mail von Jon Olsson kriegen, wundern Sie sich nicht.

Was rauskommt, wenn Jon abends einmal länger aufbleibt, zeigt sein letztes Projekt: Vor zwei Jahren wettete er mit dem schwedischen Slalom-Star Jens Byggmark um 5000 Euro, dass er, Jon, sich für den olympischen Slalom 2014 in Sotschi, Russland, qualifizieren würde. Die Blödelei endete im Ernst: Sag Jon Olsson, dass er etwas nicht kann, und warte, was passiert: „Da bin ich wie ein Feuer, das du mit Benzin zu löschen versuchst.“

Jon zwängte sich wieder in einen Strampelanzug, ließ sich Rennski kommen und fand sich in einer Doppelbelastung wieder: auf der einen Seite die Freestyle-Karriere mit unverändert hoher Drehzahl, auf der anderen das Training eines Rennfahrers. Wenn Kritiker behaupten, man könne diese beiden so unterschiedlichen Arten, Ski zu fahren, nicht kombinieren, gibt es einen Menschen, der genau das garantiert nicht glaubt. Dessen Name ist wohl nicht schwer zu erraten.

Olsson: „Im Skisport gibt es noch immer Menschen, die glauben, man müsse dieses oder jenes auf genau diese oder jene Art machen: so und nicht anders. Warum? Weil wir es immer schon so gemacht haben. Ich werde ihnen zeigen, dass man auf viele unterschiedliche Arten Erfolg haben kann. Wenn ich springen gehen will, dann werde ich springen gehen. Wenn ich Tore trainieren will, werde ich Tore trainieren. Meine Vielseitigkeit hat mir geholfen, nie den Spaß am Skifahren zu verlieren. So viel Spaß wie momentan hatte ich schon lange nicht mehr.“

Derzeit liegt Jon Olsson etwa auf Platz 100 in der Slalom-Weltrangliste, Tendenz: steigend. Jüngst hat er sein erstes Nor-Am-Rennen in Panorama, Kanada, gewonnen, ein FIS-sanktioniertes Rennen. Eine Stufe unter dem Weltcup zwar, aber bei weitem keine Kinderjause. „Hat sich fast so gut angefühlt wie ein X Games-Gold“, schnaufte Jon im Ziel, um gleich zu relativieren: „Aber ich muss noch viel besser werden. Immerhin: Die Richtung stimmt.“

Zehn Jahre nachdem er aus dem Nationalteam geschmissen wurde, steht er vor einem Comeback. Olympia 2014 scheint nicht mehr unmöglich. Der Weg ist weit, klar. Die Kritiker sind überall, richtig. Aber Jon Olsson ist nicht nur einer der talentiertesten, sondern auch einer der fleißigsten Skifahrer der Gegenwart.

Fürs Erste hat Jon Olsson jedoch nur ein Ziel. Er klappt seinen Laptop zu, zieht sich die Skiklamotten an und stapft hinaus zum wartenden Hubschrauber. Die Sonne geht auf. In einer halben Stunde wird er auf dem Gipfel eines Berges stehen.

www.jon-olsson.com


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