Christian Schiester (c) Roland Bogensperger

Der 2. Platz beim Sahara Race, der zweiten Station auf der 4 Deserts Cup-Tour, markiert ein Highlight in der Karriere von Extremläufer Christian Schiester (42). Hier spricht der Steirer über die Torturen in der ägyptischen Wüste und die Bedeutung des Geschichten-Erzählens.

Christian, beim Atacama Crossing im April hast du mit dem sechsten Platz das (Podest-)Ziel noch verpasst, nun beim Sahara Race mit Platz zwei ein Top-Resultat erzielt. Wie sieht dein persönliches Resümee aus?
Wenn du am Stockerl sein möchtest, muss einfach alles passen. Es ist fast ein Lotteriespiel. In der Atacama hab’ ich mich verlaufen und so zweieinhalb Stunden Zeit verloren, deswegen „nur“ der sechste Platz, mit dem ich trotzdem sehr zufrieden war. Jetzt in der Sahara stand es erneut auf des Messers Schneide, da ich am zweiten Tag meinen Schlafsack verloren und deswegen eine empfindliche Zeitstrafe von 30 Minuten kassiert habe. Und dann noch die kalten Nächte ...

Wie schlimm war das? Konntest du überhaupt schlafen?
Von eins bis sechs Uhr früh kühlt es doch empfindlich ab, da war nicht viel Schlaf drinnen. Ich bin immer wieder aufgestanden und habe mich vor’s Zelt gestellt und die Sterne angesehen. So konnte ich mich wenigstens ein wenig ablenken, aber es war wirklich bitter-, bitterkalt.

Wie kann man unter diesen Umständen noch laufen?
So was muss ein Extremsportler eben können. Wir müssen nun mal sehr flexibel sein. Wenn wir etwas nicht haben, müssen wir improvisieren. So muss man mit dieser einzigartigen Natur umgehen. Ein Marathonläufer kann jederzeit abbrechen, wir können das nicht.

Die Taktik scheint ansonsten aber gepasst zu haben. Viele Läufer mussten ja dem hohen Anfangstempo in den letzten Etappen Tribut zollen, du nicht ...
Ganz so war’s nicht. Auch ich hatte am dritten Tag meinen Einbruch, wo ich eine Dreiviertelstunde auf den Führenden verloren habe. Da habe ich vor den letzten zehn Kilometern mein gesamtes Wasser aufgebraucht und bin dann in Folge dehydriert. Das war schon ziemlich knapp ...

Den anderen ging es ja nicht anders ...
Nein. Bei solchen Rennen gilt: Es ist immer ein Tag dabei, an dem du eine auf den Deckel kriegst. Bis zum vierten Tag hat ja noch der Deutsche Tobias Frenz souverän geführt, ehe er in der langen Etappe ganze vier Stunden einbüßte und auf Rang vier zurückfiel. Passieren kann halt immer was. Auch der Atacama-Sieger Mehmet Danis war bis Tag zwei ungeschlagen, hat aber am dritten Tag noch eine größere Watschn gekriegt als ich und war plötzlich nur noch auf Rang 15.

Worin unterscheiden sich die Atacama und Sahara in den äußeren Bedingungen?
Der wesentliche Unterschied liegt in der Höhendifferenz. Die Atacama liegt ja im Schnitt 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Da spürt man den Sauerstoffmangel natürlich, wenn man stundenlang unterwegs ist. Das Zweite sind sicher die ständigen felsigen Bergauf- und Bergab-Passagen. In der Sahara hingegen war es die Hitze. Über 50 Grad im Schatten, in der Sonne sicher noch zehn Grad mehr. Ins Ziel kommst du jedenfalls als Brathendl, durchgebraten von oben bis unten.

250 Kilometer quer durch die Sahara in sechs Tagen, brütende Hitze und eine Netto-Laufzeit von 29 Stunden … Sind die Schmerzen nach der letzten Etappe überhaupt beschreibbar?
Wenn es vorbei ist, ist dies ein absoluter Ausnahmezustand für den Körper. Ich würde es nicht einmal als Schmerz bezeichnen. Am ehesten kann man es noch mit einem Autounfall vergleichen: Ein Kracher und du kannst mit dem Körper nichts mehr anfangen, weil du einfach nicht weißt, was gerade passiert ist.

Extremlauf ist immer mit viel Reisen und Zeitaufwand verbunden. Wie hältst du in den Wettkampfphasen Kontakt zu deiner Familie?
Während des Wettkampfes überhaupt nicht. Nur meine Frau bekommt von meinem Medienbetreuer Mails, dass alles in Ordnung ist. Ich muss mich da auch distanzieren. Ich strebe es auch nicht an, dass meine Kinder mich in dieser Situation sehen. Das ist nicht schön anzuschauen, wenn man den ganzen Tag leidend unterwegs ist. Es ist mein Beruf geworden, und ich sammle diese Erfahrungen, um daheim und auch in meinen Vorträgen als Geschichtenerzähler aufzutreten und diese Emotionen weiterzugeben. Das Ganze ist eine Lebensschule, und man muss zuerst durchs Feuer gehen, damit man erzählen kann, wie es ist, wenn’s heiß ist.


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