Iggy Pop, Pionier des Punk, ist zur Zeit mit seinen Stooges auf Festivals in Europa unterwegs. Im Interview spricht die 63-jährige Ikone über Charakter und Image, Raubkatzen, Leguane und seine Verachtung der Schauspielerei.
Iggy, du verkörperst noch immer den Wilden Mann des Rock’n’Roll, wie viel davon ist Image, wie viel ist echt?
Es ist interessant, was die Leute für eine Vorstellung von mir haben. Wahrscheinlich kommt das daher, dass ich eine halbe Ewigkeit lang in meinem eigenen Arsch gelebt habe. Ich vergesse eben immer wieder mal wie ich in der Öffentlichkeit rüberkomme.
Kaum zu glauben, bei einem Medienschlachtross wie dir...
Ich weiß. Unlängst habe ich mit einem anderen angegrauten Gentleman des Show-Biz zusammengearbeitet, dessen Namen hier ungenannt bleiben soll: die Zusammenarbeit war von seiner Seite aus etwas distanziert und er gestand mir später, dass er Angst gehabt hätte, ich würde ihm die Nase abbeißen, oder so was (lacht auf seine unverkennbare Weise). Ich jedenfalls habe noch nie angenommen, dass ein Performer privat genau so drauf ist wie auf der Bühne.
Jedenfalls muss die Musik für dich die offensichtliche Berufsentscheidung gewesen sein. Ich kann mir dich in keinem anderen Metier vorstellen.
Die Musik war immer ein natürlicher Bestandteil meines Lebens. Ich habe ja eigentlich am Schlagzeug begonnen weil es mir als das am wenigsten langweilige Instrument erschien. Ich nahm die übliche Route über einen Talentwettbewerb und eine Schulband auf der Highschool in Michigan.
Das waren The Iguanas („die Leguane“; Anm.), oder?
Da kennt sich wer aus, genau! Ich spielte aber auch viel bei verschiedenen schwarzen Blues-Combos in Detroit mit. Der Bandleader, der mir dabei in bester Erinnerung blieb, war Big Walter Thornton, einerseits weil er der beste war, aber auch weil er mich mal vor einem Gig mit seinem Messer bedrohte (wieder das Goofy-artige Lachen).
Was hat dich am Musikerleben fasziniert?
Es war die Kombination aus ehrlicher Freude am Musikmachen und dem Verdacht, dass ich mit einer unleugbaren Kreativität gesegnet sein könnte. Dazu kamen natürlich die üblichen Faktoren: Mädchen sprechen mit dir und du musst nicht um neun im Büro sitzen, um nur zwei zu nennen.
Welche Acts haben den Sound und Style der Stooges geprägt?
Wir wurden von einer bestimmten Avantgarde experimenteller Musiker beeinflusst. Von John Cage zum Beispiel, besonders aber von Harry Partch. Die Stooges standen schon damals für ein überwältigendes Klangkonzept, mit dem man ordentlich Krawall schlagen konnte. Wir waren in der Lage, mit dem Heulen eines Staubsaugers das Unaussprechbare zu sagen.
Wie wichtig waren euch MC5?
Ohne MC5 keine Stooges, so viel ist klar. Deren Manager, John Sinclair, ein künstlerisch veranlagter Exsträfling, so eine Art Proto-Suge-Knight (der stets mit einem Bein im Kriminal stehende Manager des Mitte der 90er berühmt-berüchtigten HipHop-Labels Death Row; Anm.). Er nahm eine Handvoll biederer Mittelklasse-Detroiter und eine Handvoll zielloser Vorstadt-Kids, wie uns, und warf sie in die soziale Mischmaschine. Durch ihn lernten wir eine ganze Menge damals exotischer Künstler kennen: Coltrane, Archie Shepp, die Factory-Freaks um Warhol und Ken Keseys Merry Pranksters.
War Sinclair nicht auch der Gründer der White-Panther-Partei?
Was mir daran gefallen hat, waren seine violetten Flyer mit einem weißen Panther, der einem entgegensprang. Auf der Rückseite stand: White Panthers People’s Party: Our Platform – ‘Rock n’ Roll, Dope and Fucking in the streets’. Die verteilte er im Sommer 1968 am Campus von Ann Arbor und wanderte dafür natürlich auf dem kürzesten Weg ins Kittchen.
Was waren deine ersten Songwriting-Erfahrungen?
Ich habe mir eine Gitarre mit Nylonsaiten um 32 Dollar besorgt und brachte mir die Grundakkorde A, E und D bei. Lange Zeit später fand ich dann auch noch heraus, wie man B greift. Und dann ging’s mit dem Schreiben los: No Fun, I Wanna Be Your Dog, 1969, Little Doll, Not Right ... im Grunde schrieb ich das gesamte erste Album der Stooges. Ron Asheton half mir mit ein paar Riffs.
Welches deiner Alben magst du am liebsten?
Ich finde The Idiot ist ein unanständig gutes Album (lacht) und seiner Zeit weit voraus. Mir gefällt auch zirka die Hälfte von Raw Power, da sind vier, fünf echte Klassiker drauf: Raw Power, Search And Destroy, Shake Appeal, Gimme Danger und noch eines, das mir jetzt natürlich nicht einfällt.
Was sagst du zur Bezeichnung „Godfather of Punk“?
Ich komme mit dem Typen klar! Die Briten haben den Begriff geprägt, weil sie uns liebten. Wir mussten dort nur das tun, was wir eh am besten konnten, also soviel verdammten Höllenlärm machen, wie möglich und uns aufführen wie die Höhlenmenschen.
Du wirst immer wieder mal als Schauspieler angeheuert, wie findest du diesen Beruf?
Daran ist David Bowie schuld. Er hat mir diese Flausen in den Kopf gesetzt und gemeint: „Iggy, du gehörst auf die Leinwand, blah, blah, blah.“ Den Part in The Color Of Money (Die Farbe des Geldes, 1986; Anm.) habe ich gekriegt, weil Marty (Regisseur Martin Scorsese; Anm.) es großartig fand, wie weit ich meine Zunge rausstrecken konnte. Im Normalfall kriege ich Filmangebote von befreundeten Fans wie John Waters oder Jim Jarmusch, die einen „Charakterkopf“ in einem ihrer Filme brauchen.
Klingt nicht so, als wärst du von diesen Cameo-Auftritten begeistert ...
Im Vergleich zum Musikmachen ist es die Hölle. Du bist nicht der Boss. Du musst, buchstäblich antworten, wenn du angesprochen wirst. Dann kriegst du kein direktes Feedback, es fehlt der Schweiß, das Blut und der Adrenalin-Kick der Bühne. Filmauftritte sind im Grunde ein Scheißjob, Alter (lacht)!
Wie sieht’s mit der Verfilmung deines Lebens mit Elijah Wood in der Hauptrolle aus?
Soweit ich weiß, ist das Projekt vorübergehend eingefroren. Die Produzenten haben mir ein Drehbuch geschickt, gegen das ich nur wenige Einwände hatte und Elijah ist ein Ausnahmeschauspieler, der zu allem bereit ist. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.
Du bist zur Zeit in Europa unterwegs, bald geht’s weiter zu den amerikanischen Festivals. Was ist für dich ein gutes Sommerfestival?
Eins, bei dem ich schweißgebadet auf der Bühne rumhüpfe und im Publikum tausende Titten dasselbe tun.
www.iggypop.com
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