Hier geht es um Politik und hohe Tiere, Machtspiele und beinhartes Geschäft. Ein Gespräch mit Red Bull Racing-Teamchef Christan Horner (36) über die Faszination Formel 1.
Herr Horner, wird es dieses Jahr mit dem Weltmeistertitel klappen?
Die WM-Trophäen sind die einzigen, die noch in unserer Sammlung fehlen. Natürlich haben wir großen Respekt vor den verdienten Konkurrenten, die wir haben. Wir nehmen sie ins Visier, wie sie uns ins Visier genommen haben.
Im Vorjahr starteten drei Teams, darunter der spätere Titelgewinner Brawn, mit dem sogenannten Doppel-Diffusor. Ihr Team hielt diese Entwicklung für nicht regelkonform, bis es grünes Licht von den Offiziellen gab und Sie einen eigenen designten. Ist Ihnen der Titel gestohlen worden?
Der Doppel-Diffusor hat uns in der ersten Saisonhälfte eine Menge Punkte gekostet – er hat wirklich einen großen Unterschied gemacht. Ein Team (Brawn, Anm..) hat das Schlupfloch im Reglement genützt und steht als Sieger in den Geschichtsbüchern. Das muss man akzeptieren. Heuer wird das hoffentlich anders aussehen.
Der Betrieb scheint rund um die Uhr zu laufen. Wie viele Stunden arbeiten Sie?
Mein Tag beginnt vor 8 Uhr, wenn ich mit Österreich telefoniere, und endet zwischen 20 und 20.30 Uhr. Untertags habe ich jede Menge Meetings, abends beantworte ich meine E-Mails.
Was ist das Beste an der Formel 1?
Dass du alle zwei Wochen Kopf an Kopf mit der Konkurrenz um den Sieg kämpfen musst. Dieser Sport ist unbarmherzig – du kannst niemals Atem holen oder lockerlassen. Die Konkurrenz stellt dich vor eine gewaltige Herausforderung. Gewinnen ist die einzige Option. Du musst so viel investieren, um siegen zu können, das macht es auch so reizvoll. Das ist die Essenz der Formel 1. Sie ist beinhart, belohnt aber alle Mühen. Wenn du wirklich einen Grand Prix gewinnst (wie das Red Bull Racing 2009 sechsmal gelungen ist, Anm.), weißt du, wofür du gearbeitet hast.
Und ein richtig mieser Arbeitstag?
Jeder Tag hat Herausforderungen. Mir macht Spaß, was ich tue, und mir ist noch nichts untergekommen, was meine Begeisterung, meine Entschlossenheit und meinen sportlichen Ehrgeiz gedämpft hätte.
Aber die F1 muss doch auch unangenehme Seiten haben. Was ist das Schlimmste?
Einige politische Aktionen in den letzten Jahren waren unerfreulich. Es gab ein paar Vorfälle, aber der Sport gleicht alles aus. Es war schade, dass wir aufgrund der globalen finanziellen Situation Teams verloren haben, aber daraus entstanden auch wieder neue Möglichkeiten. Die F1 ist für die Zukunft gut gerüstet – die Kosten sind limitiert worden, und wir haben mehr konkurrenzfähige Teams.
Sie haben die Politik erwähnt. Muss ein Formel-1-Teamchef Politiker sein?
In der Vergangenheit haben wir immer versucht, Politik beiseitezulassen und mit offenen Karten zu spielen. Wir wollen auf sportliche Weise gewinnen und uns nicht an den taktischen Spielchen beteiligen. Dieses Team wurde gegründet, um ehrgeizig, aber sportlich und fair für seine Ziele zu kämpfen. So sehen wir das.
Wer sind für Sie die herausragenden Persönlichkeiten unter den Teamchefs?
Ron Dennis (McLaren, Anm..) und Flavio Briatore (vormals Renault und Benetton, Anm..) haben auf sehr unterschiedliche Weise und mit sehr unterschiedlichen Managementmethoden eine Menge erreicht.
Keiner von ihnen wird heuer ein Team leiten. Wird die F1 sie vermissen? Oder Max Mosley, den einstigen FIA-Präsidenten?
Anfangs ja, aber die Zeit bleibt nicht stehen. Die Formel 1 erlebt jetzt eine neue Ära, eine neue Morgendämmerung.
Bernie Ecclestone, der Patriarch der Familie, ist freilich noch sehr präsent. Können Sie sich eine F1 nach Bernie vorstellen?
Vielleicht in 50 Jahren, sollte er sich dann zur Pensionierung entschließen. Dann ist er um die 130, vielleicht kommt dann ja das Interesse an anderen Dingen. Vielleicht. Aber es ist eine interessante Frage. Er hat die F1 zu einem gigantischen Sport- und Showereignis ausgebaut. Sein Nachfolger wird in enorme Fußstapfen treten müssen. Der Erfolg dieses Sports ist allein seinem starken Führungsstil zu verdanken. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie ein Komitee das auf die Reihe kriegen soll. Ich hoffe, wir haben ihn noch eine Weile unter uns.
Fühlen Sie sich in Ihrer sechsten Saison schon wie ein Veteran?
Die Zeitspanne reicht zumindest, so hoffe ich, dass die Leute nun meine Meinung respektieren. Aber ich repräsentiere die Interessen von Red Bull, nicht die von Christian Horner. Ich bin überzeugt davon, dass sich Red Bull in diesem Sport als glaubwürdiges Team etabliert hat, das den Respekt all seiner Mitspieler genießt. Und Red Bull hat diesen Respekt auch verdient.
Und Ihre persönlichen Gefühle?
Ich fühle mich hier sehr wohl und arbeite gerne hier. Bis jetzt hat sich meine Art zu arbeiten in dieser und auch in den anderen Rennserien gut bewährt.
Haben Sie sich als Formel-1-Teamchef je überfordert gefühlt?
Nein. Als ich begann, war die F1 am Höhepunkt eines Machtkampfes zwischen Teams und Veranstalter. Es sah aus, als würde sich eine eigene Serie abspalten. In Indianapolis mussten wir 2005 mit der Situation zurechtkommen, dass allen Teams auf Michelin-Reifen (inklusive Red Bull Racing, Anm.) der Start verwehrt wurde. Es war eine bewegte Zeit, und ja, ich wurde ins kalte Wasser geschmissen. In so einer Situation muss man eben schwimmen lernen – oder man geht unter.
Bevor Sie zu Red Bull kamen, waren Sie erfolgreicher Teamchef von Arden Racing, eine Stufe unterhalb der Formel 1, Sie waren selber Rennfahrer. Vermissen Sie das?
Nicht mehr, nein. Mir kommt vor, als wäre das schon Ewigkeiten her. (Horner beendete seine Rennfahrerkarriere 1998 mit 24, Anm.) Aber ich habe viele wertvolle Lektionen gelernt, sowohl in den guten wie auch in den schlechten Teams. Für mich war das eine Ausbildung, von der ich noch heute zehren kann.
Wie hilft Ihnen Ihre Erfahrung als Rennfahrer heute?
Der wichtigste Aspekt ist die Beziehung zu den Piloten, besonders zu den ausländischen, mit denen es manchmal Verständigungsschwierigkeiten gibt, weil sie sich nicht so gut ausdrücken können, wie sie das möchten. Da kann ich einspringen und bei der Kommunikation helfen. Meine Erfahrung kommt mir auch an der Boxenmauer zugute und bei der Rennstrategie – wenn es darum geht, ein Rennen zu lesen.
Kein Rennfieber mehr…?
So gut wie nie. Gegen Adrian Newey bin ich einmal ein Rennen mit Citroën 2CVs am alten Nürburgring gefahren. Die Dinger sind kaum die Steigungen raufgekommen. Ich glaube, ich habe gewonnen, obwohl Adrian 60 Trainingsrunden zur Vorbereitung hatte. Er ist in allem, was er macht, professionell und ehrgeizig.
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