Auf ihrem neuen Album „WIR“ feiern Blumentopf aus München wortwitzig und souverän ihren 18. Bandgeburtstag. Ein Gespräch mit Roger über Pop und Hip Hop, die Wichtigkeit des Ausmistens und Sonnenaufgänge in der Wüste.
Die Beats auf „WIR“ sind zu einem beachtlichen Teil sehr Riff-haltig geworden. Wo sind die Plattenspieler hin und werdet ihr auf der Tour diesmal live mit Band rocken?
Ja klar, so wie bereits seit drei, nein, seit fünf Jahren? Ich weiß es selbst nicht mehr genau. Es verschwindet alles im Nichts... Zur Produktion: WIR ist es jetzt nicht sooo rockig geworden, sondern ein richtiges Hip-Hop-Album mit Samples und Scratches. Hinter dem Album steht, finde ich, eher der Ansatz von 99 Problems (Jay-Zs von Rick Rubin produzierter 2004er-Hit; Anm.).
Auf welche Rockbands könnt ihr euch Band-intern einigen?
Ich schätze, auf die White Stripes können wir uns alle einigen, ich mag auch die Queens of the Stone Age sehr und werde wohl auf ewig ein Jimi-Hendrix-Fan sein.
Was verbirgt sich hinter Rick Rubins Bart?
Ein Mund, hoffe ich (lacht).
In eurem neuen Track „Ausmisten“ geht es um die alte Differenz zwischen Sein und Haben. Ist es für Musiker wichtig, Balast abzuwerfen um unterwegs bleiben zu können?
Wir alle haben in letzter Zeit Umzüge hinter uns, da kommt man ums Ausmisten nicht drum herum. Bei solchen Gelegenheiten finde ich haufenweise Klamotten, die mir vor fünf Jahren gefallen haben, die ich aber nie anziehe. Schließlich macht es einen froh und leicht, wenn man die Scheiße weghaut, die man nicht mehr braucht. Das gleiche gilt fürs Musikmachen: Verzichtbare Elemente weglassen, Spuren killen, zum Essentiellen vordringen.
Wart ihr eigentlich damals dabei, als Thomas D von den Fanta 4 sein Hab und Gut für einen guten Zweck versteigerte und ins Wohnmobil zog?
Nein, da hatten wir wohl selber genug Schrott zu Hause! Eine Versteigerung, bei der ich allerdings gern dabei gewesen wäre, war die in den D&D-Studios (legendäres Aufnahme-Studio an der New Yorker Westside, in dem u.a. The Notorious Big, Nas und KRS-One Platten machten), als sie 2003 von DJ Premier übernommen wurden. Da gingen Geräte über den Tisch, für die wir uns alle zehn Finger abgeschleckt hätten.
Was sagt ihr zu HipHop-Mitstreitern wie den Fantastischen Vier oder dem Fetten Brot, die sich im Laufe der Jahre zu Pop-Acts gewandelt haben?
Es gibt wenige Gruppen, die sich so lange gehalten haben wie die Brote oder Fanta 4. Und gerade die waren immer schon Pop. Ich würde sagen, dass die Fantastischen Vier heute nicht kommerzieller sind als zu „Die da“-Zeiten. Die Jungs machen Sprechgesang über Beats unterschiedlichster Arten. In unseren Augen kann jeder machen was er will, wir wollen niemandem Vorschriften machen.
Weshalb seid ihr nicht mehr bei Four Music?
Weil unser Vertrag nach der letzten Platte auslief. Wir dachten uns, einen Wechsel muss man als Recording Artist schon mal gemacht haben. So haben wir die Möglichkeit, auf gewisse Weise neu anzufangen. Wir haben uns aber im Guten von Four Music getrennt.
Welche fünf Dinge kommen in deinen Tour-Rucksack?
-Zahnbürste
-Nintendo DS
-ipod
-Badehose
-Handy (leider wichtiger als man denkt)
Welche Beziehung habt ihr zu eurer Heimatstadt München?
München ist unser zu Hause. Es ist immer cool, zurückzukommen. Alles in allem ist es eine schöne Stadt; der Sommer und die Isar sind mir über die Jahre schon sehr ans Herz gewachsen.
Gibt es bei der Fußball-WM wieder die Rapportage (auch bekannt als gerappter Tagesrückblick) fürs deutsche Fernsehen?
Ja, die gibt’s wieder. In nur drei Tagen geht’s auch schon wieder los nach Südafrika, wo wir bei der WM vor Ort sein werden um die Spielberichterstattung textlich und musikalisch zu ummanteln.
Im November 2005 war der Blumentopf auf Einladung des Goethe-Instituts im Nahen Osten unterwegs. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Reise?
Wir schlossen uns dort mit HipHop-Helden wie Ashekman und Rayess Bek kurz, gaben gemeinsam Konzerte und stehen heute noch miteinander in Email-Kontakt. Beirut ist eine geile Stadt mit einem starken Party-Spirit, da ging viel. Es hat auch dieses merkwürdige Ambiente zwischen zerbombten Stadtteilen und Hi-Tek.
Wo, außer im Libanon, wart ihr noch unterwegs?
In Jordanien konnten wir unsere Reise nach Syrien nicht fortsetzen und saßen fest: Nach einem Bombenanschlag in dem Hotel, in dem wir in Amman, der Hauptstadt von Jordanien, wohnen sollten, beschlossen wir dass es Zeit war, in die Wüste abzuhauen. Im Wadi Rum wollten wir natürlich den Sonnenaufgang sehen und standen um halbvier in der Früh bereit. Erst als wir einem Stunden später vorbeiwandernden Beduinen ausdeutschten was wir hier wollten, erfuhren wir dass die Sonne erst um sieben aufgehen würde, und zwar hinter einem massiven Berg (lacht). Trotzdem war es ein wunderbares Erlebnis und es war schön, das mit der Band zu teilen.
Wie steht’s um die deutsch-österreichische Achse im HipHop?
Gut steht’s da! Skero (Texta-Rapper) haben wir vorgestern getroffen und mit Manuva (Ex-Total Chaos, Supercity) haben wir regen elektronischen Kontakt. Die Szene in Wien und um Texta in Linz waren uns schon immer sehr wichtig. Wir kennen uns alle einfach schon ewig und werden immer befreundet sein, egal ob wir dann noch Musik machen oder nicht.
WIR erscheint am 4. Juni auf EMI
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