Was war noch mal Alpinskifahren? Seit Vancouver 2010 schlägt so manches Sportlerherz für Skicross. Hier das Interview mit den Brettl-Gladiatoren Andi Matt und Daron Rahlves.
Bei den Olympischen Spielen in Vancouver war die Sportart Skicross plötzlich in aller Munde. Überrascht es euch, dass das Interesse durch die Großveranstaltung so enorm gestiegen ist?
Matt: Überrascht waren wir alle. Bei Olympia war auf einmal eine Aufmerksamkeit da, die wir noch nicht kannten. Dass dieser eine Wettkampf einen derart positiven Effekt für den Sport haben könnte, habe ich vor den Spielen nicht gedacht.
Rahlves: Ich habe schon erwartet, dass Skicross bei den Zuschauern und Athleten gut ankommen wird. Der Sport ist einfach zu verstehen und es passiert immer etwas. Die Kopf-an-Kopf-Zweikämpfe, das Zusammenprallen – es ist wie eine Achterbahnfahrt auf Skiern. In den USA war Skicross aber schon vor den Spielen sehr populär.
Andi, du hast die Silbermedaille geholt. Wo bewahrst du sie auf?
Matt: Sie hängt gemeinsam mit der Goldmedaille von der Weltmeisterschaft zuhause auf einem ausgestopften Adler (Lacht.).
Gibt es seit Vancouver schon spürbare Veränderungen im Sport?
Rahlves: Kurz nach Olympia hat man gemerkt, dass Verbände vor allem in Richtung Jugendförderung mehr Gas geben und professioneller arbeiten. Das wird hoffentlich eine große Verbesserung mit sich bringen.
Welche Vorraussetzungen sind für erfolgreiche Zukunft besonders wichtig?
Matt: Skigebiete und Skischulen sind sowieso ein Muss. In den Schulen sollte es außerdem eine eigene Ausbildungsmöglichkeit für Skicross geben.
Rahlves: Das ist natürlich länderabhängig, je nachdem wie populär Wintersport generell ist. In den USA kann ich mir gut vorstellen, dass der Sport in bestimmten Regionen Wachstumspotential hat, weil dort die Infrastruktur vorhanden wäre.
Andi, warst du wie Daron vor deiner Karriere als Skicrosser auch Alpinskifahrer?
Matt: Ich bin fünf Jahre Snowboard gefahren, dann eine Zeit lang Alpinski, aber nicht professionell. Ein Kollege hat mich gefragt, ob ich zum Skicross wechseln will. Und ich habe zum Glück „Ja“ gesagt. Das war eine gute Entscheidung, weil es generell spannender ist, Mann-gegen-Mann zu fahren als nur gegen die Zeit. Und die ganze Springerei und die Steilkurven üben irgendwie einen besonderen Reiz auf mich aus.
Wie ist es, wenn man als Alpin-Skifahrer zu Skicross wechselt?
Matt: Es ist natürlich eine Umstellung. Erst ist man gegen die Uhr gefahren und plötzlich hat man Gegner neben sich. Das Konkurrenzdenken ist einfach anders.
Rahlves: Man muss ein richtiger Wettkämpfer sein, um sich durchsetzen zu können. Ein Grund für meinen Umstieg war aber sicher, dass man in diesem Sport mehr freie Zeit hat als im Alpinskisport. Und ich wollte einfach mehr zuhause sein, eine Familie gründen und ein guter Ehemann sein. Außerdem ist Skicross meiner Meinung nicht so gefährlich wie beispielsweise eine Alpin-Abfahrt.
Die besten Skicrosser rollen das Feld von ganz hinten auf. Daron Rahlves
Wie kann man die Angst vorm Hintermann ausblenden?
Matt: Durch Training. Wenn man schon dort gegen andere fährt, dann entwickelt man ein sehr gutes Gespür.
Rahlves: Man muss einfach üben, cool und geduldig zu bleiben. Am langweiligsten ist es, wenn man schon von Anfang an vorne dabei ist. Die besten Skicrosser rollen das Feld von ganz hinten auf (Lacht.)
Trainiert ihr speziell den Start?
Matt: Ja, als ehemaliger Alpiner muss man am Anfang unbedingt den Start perfektionieren, weil man generell dazu tendiert, zu früh zu starten – es ist einfach ein anderer Sekundenabstand bis zur Startfreigabe. Dieser Faktor ist gar nicht zu unterschätzen.
Rahlves: Ich hatte am Anfang jede Menge Schwierigkeiten mit dem Start, vor allem weil ich zu früh wegfahren wollte. Es ist wieder eine Sache von Gespür und Können und das muss man sich aneignen.
Welche Fähigkeiten braucht ein erfolgreicher Skicrosser?
Matt: Ein guter Skifahrer sollte man sein. Und man sollte keine Angst vor direkten Duellen haben oder sich von den Gegnern einschüchtern lassen. Sachen wie Material sind gar nicht so wichtig – zumindest nicht für mich. Ich nehme einfach den Ski, der mir vorgelegt wird.
Rahlves: Es ist eine Kombination von mehreren Fähigkeiten. Wichtig ist Selbstbewusstsein und Talent zum Angriff. Alpine Ski-Kenntnisse und Beschleunigungskraft sind auch von Vorteil.
Wie wichtig ist pure Aggressivität?
Matt: Sicherlich braucht man eine gewisse Portion davon, damit man nicht nachgibt, wenn man Schulter an Schulter fährt und seine Linie durchzieht. Ich schaue beim Rennen nur geradeaus. Es ist egal, was neben mir passiert.
Rahlves: Ja klar, die ist entscheidend. Ich mag das Gefühl, wenn Gegner mich sehen und sich denken: “Oh nein, da ist Daron” (Lacht.).
Wie gut kennt ihr euch gegenseitig?
Matt: Wir sind öfters gegeneinander gefahren. Er ist sehr sympathisch, offen – einfach ein brutal guter Typ. Er hat sich mit seinen Fähigkeiten verdient einen Namen gemacht.
Rahlves: Andi ist ein wirklich guter Skifahrer mit gesundem Selbstbewusstsein.
Ihr seid beide schon Väter. Wärt ihr glücklich, wenn eure Kinder den gleichen Sport ausüben würden?
Matt: Es bleibt den Kindern überlassen, was sie machen wollen. Wenn sie diesen Weg einschlagen, werde ich sie unterstützen. Wichtig ist, dass sie ein geregeltes Leben haben. Mein Sohn kann schon Ski fahren. Aber er ist noch zu jung, um zu begreifen, worum es im Sport eigentlich geht. Er hat einfach nur Spaß
Rahlves: Sie können machen was sie wollen. Wenn sie denselben Sport ausüben wollen, dann unterstütze ich sie natürlich.
Bei der Red Bull Hüttenrallye werden statt vier sechs Skier pro Lauf ins Rennen gehen. Glaubt ihr, dass das mehr Action mit sich bringen wird?
Matt: Definitiv. Und es kann ein bisschen mehr passieren als beim normalen Skicross.
Rahlves: Mit mehr Leuten ist natürlich auch mehr Action. Ich denke, es wird einfach toll.
Was hat euch überzeugt, bei der Red Bull Hüttenrallye mitzumachen?
Rahlves: Es ist eine einzigartige und Idee, eine Art Kombination. Und für mich gilt generell: je mehr Wettkämpfe, desto besser!
Welchen Tipp könnt ihr denjenigen geben, die unbedingt mitmachen möchten?
Matt: Immer nur so viel machen, wie man kann und nichts überstürzen. Die Gesundheit sollte immer im Vordergrund stehen.
Rahlves: Man sollte körperlich in guter Form sein. Der Sport strengt aber auch die Psyche an – auch da kann eine gewisse Fitness nicht schaden.
Immer nur so viel machen, wie man kann und nichts überstürzen. Andi Matt
Wo seht ihr Skicross in fünf Jahren?
Matt: Ich denke, dass diese Sportart vor allem in punkto Medienberichterstattung noch einiges an Potential hat. Wenn noch mehr über Skicross berichtet wird, dann steigt natürlich automatisch die Beliebtheit.
Rahlves: Skicross hat zwar keine lange Tradition, wird aber in ein paar Jahren bekannter werden. Es ist einfach ein guter Sport, warum sollten ihn die Leute nicht lieben?
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