Christian Schiester (c) Roland Bogensperger

Die fünfte und zugleich längste Etappe verlangte den Teilnehmern des Sahara Race noch einmal alles ab. 87 Kilometer lang ging es durch tiefen Sand, grüne Oasen und über weite Vulkanebenen. Für die Spitzenläufer war das der entscheidende Showdown um die Ränge eins bis fünf. Mitten drin: der Steirer Christian Schiester. Hier die Chronologie der fünften Etappe.

Uhrzeit: 04:45
Es war die kälteste Nacht bisher. Seit zwei Uhr hab ich kein Auge mehr zugetan, sondern nur mehr versucht, das Zittern irgendwie zu ignorieren. Hin und wieder denke ich daran, wo wohl mein während der zweiten Etappe verloren gegangener Schlafsack gerade liegen mag. Ein kleines, oranges Säckchen mitten in der großen Wüste. Zweimal stehe ich auf und sehe mir den faszinierenden Sternenhimmel an.

Uhrzeit: 06:00
Die langsamere Gruppe der verbliebenen Teilnehmer bricht auf zur langen Etappe. Manche von ihnen werden über 24 Stunden lang auf dem Weg sein. Ich krieche aus dem Zelt, genieße die eingekehrte Ruhe im Camp und versuche zu frühstücken. Auch die anderen „Toprunner“ tauchen auf. Die Belastung ist bereits deutlich sichtbar, viele humpeln, sind bandagiert und ausgezehrt. Die Stimmung ist trotzdem gut, alle sind froh, endlich die letzte harte Prüfung hinter sich bringen zu können. Das Essen ist mittlerweile eine Qual für mich. Seit gestern bekomme ich fast nichts mehr hinunter, zwinge mich aber immer wieder dazu, um Kraft zu tanken.

Uhrzeit: 08:30
Es sind die letzten Vorbereitungen vor dem Start. Dazu gehören einschmieren, besonders Ohren, Hals und Waden nicht vergessen, fokussieren, den Rucksack optimieren und die mentale Vorbereitung. Ich denke mir für die strapaziösen Etappen immer wieder Geschichten und Themen aus, über die ich nachdenken kann. Auf diese Weise schaffe ich es, die Distanzen auch geistig zu überleben.

Uhrzeit: 09:00
Ein letztes Foto noch, dann fällt der Startschuss. Die 16 schnellsten Teilnehmer – darunter eine Frau – starten in den härtesten Teil des Sahara Race. Meine Taktik: Die ersten 50 Kilometer irgendwie unbeschadet überstehen, dann angreifen. Ich möchte meinen Vorsprung auf den Spanier unbedingt verteidigen und somit den Stockerlplatz absichern – 26 Minuten auf 87km sind aber nicht gerade viel.

Uhrzeit: 09:57 / KM: 10,1 / Rang: 3
Nach zehn Kilometern erreiche ich Checkpoint eins. Noch ist es nicht zu heiß, der Untergrund ist hart, ich greife weit aus und gehe vorne mit. Das Terrain wechselt langsam auf tiefen Sand, auch die Temperaturen steigen merklich. Der Deutsche und ein Brite stürmen vorn davon, auch den Italiener muss ich passieren lassen. Das Tempo ist mir zu hoch, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das durchhalten.

Uhrzeit: 12:08 / KM: 30 / Rang: 3
Als Dritter komme ich zu Checkpoint drei. Frenz und Barghini ziehen vorn im Gleichschritt weg, ich verliere sie bereits einige Male aus dem Blickfeld. Den Briten konnte ich schon überholen und gehe weiter mein eigenes Tempo. Schwarze Vulkansteine liegen im goldenen Sand, ein traumhaftes Bild. Die Hitze ist bereits enorm, nur der Wind verschafft hin und wieder Erleichterung.

Uhrzeit: 13:13
Über einen Geländeabriss ging es steil hinunter in Richtung Checkpoint vier.

KM: 39,7 / Rang: 3
Unten eröffnet sich mir eine weite Ebene mit einer riesigen Oase und einem kleinen Dorf. Schreiend empfängt mich eine Horde von Kindern und begleitet mich lautstark für ein Stück. An Checkpoint vier liegen Frenz und Barghini bereits 15 Minuten vor mir, sie scheinen tatsächlich ernst zu machen. Hinter mir rückt der Spanier schon näher. Ich werde durch das viele Magnesium von Durchfall geplagt, meine Kräfte schwinden zusehends. Schließlich muss ich Silvestre passieren lassen. Ich versuche noch, mich an ihn ranzuhängen, kann das Tempo aber nicht halten.

Uhrzeit: 15:58 / KM: 59,5 / Rang: 3
Ich bin mit den Kräften am Ende. Der Spanier läuft flink wie ein Wiesel vorn davon. Ich muss immer wieder gehen und in die Büsche. Mein Rückstand bei Checkpoint sechs beträgt bereits zehn Minuten, mein Polster schmilzt schnell dahin. Frenz liegt auf einmal hinter mir und scheint grobe Probleme zu haben. Der Italiener liegt weit voran, es geht also um die Entscheidung der Plätze eins bis fünf. Der Spanier kürzt immer wieder ab, was mich zusätzlich entmutigt. Langsam senkt sich die Sonne, und es wird wieder kühler – meine letzte Hoffnung darauf, dass meine Kräfte doch noch zurückkehren.

Uhrzeit: 17:12 / KM: 69,9 / Rang: 3
Das Wunder passiert, ich fühle mich wieder besser. Die Mineralien und Vitamine bleiben im Körper, der Motor fängt langsam wieder an zu arbeiten. Ich verfalle in leichtes Laufen und bekomme wieder die Hoffnung, Platz drei doch noch erreichen zu können. Der feuerrote Sonnenuntergang spornt mich zusätzlich an, ich stelle mich mental bereits auf sehr harte 19 Kilometer ein. Der Spanier liegt jetzt 14 Minuten voran, das heißt ich habe noch zwölf Minuten Polster.

Uhrzeit: 18:20 / KM: 79,5 / Rang: 3
Ich erreiche den letzten Checkpoint. Mein Freund Eberhart Frixe, Mitglied der Organisation, den ich vom Marathon des Sables kenne, empfängt mich lautstark und spricht mir Mut zu. Auf zehn Kilometern habe ich nur eine Minute auf Silvestre verloren. „Das lasse ich mir nicht mehr nehmen“ denke ich mir und breche auf in die dunkle Nacht in Richtung Ziel. Grüne Leuchtstäbe am Rand weisen mir den Weg. Das Terrain wird schwieriger, der Sand sehr tief. Ich zahle den Preis für meinen hart erkämpften Etappensieg gestern und kann mich kaum noch auf den Beinen halten.

Uhrzeit: 19:45 / KM: 87,6 / Rang: 3
Jeder Kilometer erscheint mir unendlich. Auf einmal sehe ich keine Leuchtstäbe mehr. Fast panisch drehe ich mich im Kreis, laufe schließlich auf das einzige Licht zu, das ich sehe: ein Feuer das in der Ferne brennt. Nach einigen Minuten höre ich hinter mir das Trommeln der Beduinen im Zielbereich. Ich bin in die falsche Richtung gelaufen! Wie um mein Leben laufe ich zurück, finde den Weg wieder und gebe alles. Eine fünfzig Meter hohe Sanddüne wartet auf mich, oben kann ich bereits das Ziel erkennen. Bei jedem Schritt rutsche ich wieder zurück. Vollkommen erschöpft stolpere ich über die Ziellinie, wo Barghini und Silvestre bereits auf mich warten. Einige Minuten liege ich dort wie bewusstlos, sie helfen mir wieder auf die Beine. Ich konnte noch 02:45 Minuten meines Vorsprungs ins Ziel retten – eine geradezu lächerlich kurze Zeit bei einer Strecke von 249 Kilometern.

Uhrzeit: 23:27
Tobias Frenz erreicht das Ziel. Ab Checkpoint vier war er von Durchfall geplagt, konnte völlig entkräftet nur mehr gehen. Damit rutscht er auf Rang vier zurück und hat die Chancen auf das Stockerl verloren. Schade, ich hätte ihm den Sieg gegönnt.

Die letzte Etappe ist ein Sprintlauf von einem Kilometer bis zu den berühmten Pyramiden von Gizeh. „Der zweite Platz ist für mich sensationell. Es war von allen bisherigen Extremläufen der härteste Kampf Mann gegen Mann, eine richtige Schlacht. Aber kein Mensch der Welt wird mir morgen 02:45 Minuten auf diesem letzten Abschnitt ins Ziel abnehmen“, gibt sich Schiester optimistisch. Abzuwarten bleiben aber auch noch weitere Equipment- und Gesundheitschecks, bevor die Ergebnisse offiziell bestätigt werden.

 

Ranking nach Etappe 5:

1. Paolo Barghini (ITA) 28:14:38
2. Christian Schiester (AUT) 29:28:02 (inkl. 30 Minuten Zeitstrafe)
3. Luis Marcos Silvestre (ESP) 29:30:47 (inkl. 15 Minuten Zeitstrafe)
4. Tobias Frenz (GER) 31:46:38
5. George Chmiel (USA) 32:20:40
6. Luke Carmichael (UK) 32:32:34

 

 

 


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