Die bemerkenswerte Geschichte des Benjamin Hudson Mclldowie lehrt uns: Der Weg von Birmingham nach Hawaii führt über die Red Bull Music Academy.
Der junge Mann steht am Strand, bohrt seine Zehen in den Sand, blickt lächelnd aufs Meer hinaus. Das tut er seit kurzem jeden Morgen. Der junge Mann ist neu hier auf Oahu, Hawaii, was man mit geringer Mühe auch erkennt: Britisch blass ist seine Haut, noch heller als sein wasserstoffblondes Haar.
Benjamin Hudson Mclldowie alias Mr Hudson genießt die morgendlichen Minuten am Strand, eigentlich ist er ja zum Arbeiten auf Hawaii. Im Tonstudio nimmt er neue Songs auf, zusammen mit Hip-Hop-Superheld Kanye West. Für einen anderen US-Rap-Hero, Jay-Z, hat Mr Hudson letztens den Refrain von dessen Single „Forever Young“ eingesungen – und auch gleich im Musikvideo mitgespielt.
Mr Hudson führt ein Leben zwischen Glam und Jetset, ein Leben unter den Giganten der Popbranche. Doch wie schafft es ein britisches Bleichgesicht aus Birmingham mit David-Bowie-Faible in die Schwergewichtsklasse des Hip-Hop?
Mr Hudson gehört zum Kreis jener Musiker, die einen Fuß über die Schwelle der Red Bull Music Academy gesetzt haben. Ein einmonatiger Workshop, der seine Zelte jedes Jahr in einer anderen Stadt aufschlägt: von São Paulo über Melbourne bis London. Mit der Mission, junge Talente und Ikonen der Musikwelt zusammenzubringen. Obwohl Mr Hudson schon sein ganzes Leben lang wenig anderes getan hat, als Songs zu schreiben, waren es diese zwei Wochen während der Red Bull Music Academy in Seattle 2005, die seine Karriere veränderten: Er definierte seinen Sound neu, fand Gleichgesinnte, knüpfte Kontakte, die seinen Einstieg ins gnadenlose Musikgeschäft erleichterten.
"Ich war ein zaghafter Typ, hatte keinen Job, nur meine Songs."
„Ich war ein zaghafter Typ, hatte keinen Job, nur meine Songs“, sagt er heute. „In London wurde ich immer ignoriert. Dann kam ich nach Seattle. Und plötzlich erzählten mir diese wunderbaren Musiker aus aller Welt, dass sie meine Songs großartig fänden!“
Seine Stimme ist heiser, seine Augen tragen Ringe, als uns Ben Hudson begrüßt. Er war bis vier Uhr morgens im Studio, Songs aufnehmen, an Tracks feilen. Aber Primadonna ist er keine. „Gib mir fünf Minuten und einen Kaffee, dann bin ich bereit“, sagt er und lächelt.
Zwischen seinem ersten Konzert als zwölfjähriger Drummer einer Heavy-Metal-Band in einem kleinen Pub in Birmingham und den ausverkauften Shows im Roundhouse in Londons Stadtteil Camden mit Kid Cudi und Kanye West vor 2000 Fans liegen achtzehn Jahre.
Verändert hat sich der kleine Junge, der leidenschaftlich auf das Piano seiner Eltern einhämmerte, allerdings kaum. Zumindest was seine Einstellung zur Musik betrifft. „Ich möchte der Welt einfach coole Musik schenken“, sagt er. „Ich schreibe fünfzig bis hundert Songs pro Jahr. Ich schreibe einfach ständig, ich kann gar nicht anders.“ Seit er mit seiner Band Mr Hudson & The Library 2004 ins Schweinwerferlicht getreten ist, ist der Songwriter, Produzent und Dandy keinem kurzlebigen Trend anheimgefallen, hat sich auf die Essenz von Pop konzentriert. Zwei Alben von zeitloser Größe sind so entstanden: 2007 „A Tale of Two Cities“, 2009 „Straight No Chaser“. Ersteres, aufgenommen mit seiner Band The Library, war ein elegischer Ritt durch weitläufige Popgefilde, klassisches Songwriting zwischen Hip-Hop und Reggae. Zweiteres fasst den Popbegriff weiter, kennt keine Angst vor Berührungen mit dem Mainstream.
Für einen Mann wie Mr Hudson, der sich Karriere und Image sorgfältig aufgebaut hat, sich von Egozentrik und fadenscheinigen Trends immer distanziert hat, ist es da fast ein wenig ironisch, dass er nun regelmäßig von den Größten im Geschäft angerufen wird, die nach neuen Trends Ausschau halten. „Ich habe immer versucht, mich von Leuten fernzuhalten, die fragen, was gerade hip ist“, sagt er. „Meine Antwort ist immer die gleiche: ‚Was das Beste ist? Ein verdammt guter Song.‘ Als ich ein Junge war, hat der Britpop einige phantastische Songperlen zu Tage gefördert, aber dieses Band-Ding, das schien mir immer zu unflexibel. Ich mag Songs. Mir ist auch egal, von wem sie sind, ich steh einfach auf gute Songs.“
In den frühen nuller Jahren – Britpop war schon lange tot – fand Mclldowie schließlich, dass es Zeit sei, die Gitarrenszene hinter sich zu lassen. Sie schien ihm abgestanden. Es war die Zeit, als er Hip-Hop wiederentdeckte. Und seine kindliche Begeisterung für Beats.
„Ich erinnere mich an den Track ‚Paid in Full‘ von Eric B. & Rakim, da war ich acht“, sagt er. „Klingt vielleicht etwas altklug, aber damals war ich echt der einzige meiner Freunde, der das Zeug mochte. Als Kind ist es schwer, etwas zu finden, das nur dir gehört. Etwas, mit dem du dich an deiner Umwelt reiben kannst. Diesen Drang spüre ich zwar heute nicht mehr so sehr, Hip-Hop liebe ich aber noch immer.“
So begann er, mit Loops zu experimentieren, ließ sich vom legendären Hip-Hop-Produzenten J Dilla inspirieren. Es war ein neues Abenteuer für Mr Hudson, eine neue Möglichkeit, seine Vision von Pop zu realisieren.
2005 hörte er zum ersten Mal von der Red Bull Music Academy. In einem Plattenladen auf der Carnaby Street in London. „Der Shop hieß Deal Real“, erinnert er sich, „und war mehr als ein Laden, er war ein Schmelztiegel für kreative, coole Leute. Man ging hin, um sich das neue Busta-Rhymes-Album zu kaufen, und fand sich in stundenlangen Gesprächen mit Stylisten, Fotografen oder Tänzern wieder. Eines Tages entdeckte ich dort im Schaufenster dieses Red Bull Music Academy-Poster, und der Ladeneigentümer riet mir, mich zu bewerben.“
Diesen Monat reisen nun 60 junge Talente aus 32 verschiedenen Nationen zur Red Bull Music Academy nach London. Um sich dort mit Musik-Ikonen im Tonstudio die Nächte um die Ohren zu schlagen. Sie über Aufnahmemethoden, technische Präferenzen und all das auszufragen, wozu sie sonst nie die Möglichkeit hätten.
Chuck D von Public Enemy war schon auf der Academy-Couch, ebenso Afrobeat-Drummer Tony Allen oder Post-Punk-Pionier Arto Lindsay. Mr Hudson ist nur eines der Gesichter, die die Wand erfolgreicher Academy-Absolventen schmücken. Neben Flying Lotus beispielsweise oder einem anderen Hudson, der Musikkritiker im letzten Jahr zu Lobeshymnen hinriss, Hudson Mohawke.
„In Seattle konnte ich mit Questlove von den Roots über meinen Helden J Dilla diskutieren, und ich hab den britischen Hip-Hop-Act Sway getroffen, der eine Lecture gehalten hat. Ich sagte ihm, hey, wenn du mal einen schlechten Bowie-Imitator brauchst, ruf mich an!“ Angerufen hat Sway Mr Hudson zwar zunächst nicht, dafür dessen Demotape seinem Kollegen DJ Semtex zugesteckt, der es wiederum an Mercury Records weitergeleitet hat. Wenige Wochen später hatte Mr Hudson einen Plattenvertrag.
Während der Aufnahmesessions zu seinem zweiten Album im Gizzard Studio im Stadtviertel Hackney läutete das Telefon. Kanye West war am Apparat. Der Rapper hatte gerade durch das Dance-Outfit Daft Punk und das schwedische Trio Peter Bjorn And John Gefallen an europäischen Pop-Exzentrikern gefunden. Und als Fan von Hudsons Stimme nahm er ihn für sein Label GOOD Music Anfang 2008 unter Vertrag. Zwei Wochen später arbeiteten die beiden an Wests damaligem Album „808s & Heartbreak“ in Hawaii.
„Kanye und ich sind uns ähnlich. Weil wir Popmusik auf den Kopf stellen wollen, weil wir uns nur mit dem Besten zufriedengeben“, sagt Hudson. „Kanye fragt ständig: ‚Ist das wirklich gut?‘ Wenn andere längst zufrieden wären, bleibt er im Studio sitzen und feilt.“
So sieht auch Mr Hudson wenig Sonne hier in Hawaii. Er ist noch immer ein wenig heiser, als er Richtung Studio aufbricht. In einem kleinen Strandcafé kauft er noch Früchte und Kaffee. So wie seit kurzem jeden Morgen. Um seinen Kopf auszulüften und seine neue, aufregende Arbeitsumgebung zumindest ansatzweise auszukosten. Wenn er zurückdenkt an den Weg, der ihn hierher gebracht hat, grinst Mr Hudson. Und freut sich, dass sein Abenteuer jetzt mit dreißig so richtig beginnt. „Ich fühl mich jetzt frischer als damals. Das kommt wohl von der verjüngenden Kraft der Musik“, scherzt er. „Nur das mit dem Kater, das wird mit dem Alter leider nicht besser.“
Hörproben, Tourdaten, Videos und Hudsons Blog: www.mrhudson.com

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