Christian Schiester (c) Roland Bogensperger

Die vierte Etappe des Sahara Race war an Spannung kaum zu überbieten: Bis zur Ziellinie lieferte sich das Spitzentrio einen offenen Schlagabtausch und ritten eine Attacke nach der anderen. Die letzte Attacke aber, die gehörte Christian Schiester …

Christian Schiester: Heute war der Tag der Wahrheit. Allerdings nicht nur für mich, sondern auch für Tobias Frenz und Paolo Barghini. Bereits vor dem Start haben wir alle drei angekündigt, diese Etappe gewinnen zu wollen. Der angeschlagene Mehmet Danis warf seine letzten Kräfte ins Rennen und stürmte vorne davon. Ich folgte im Gleichschritt mit Frenz einige hundert Meter dahinter. Auf diese Weise legten wir abwechselnd über Schotter und Sand rund 15 Kilometer zurück, ehe ich meinen ersten Angriff startete. Danis hatte ich relativ schnell in der Tasche, auch Frenz ging mein Tempo nicht lange mit. Bei Checkpoint zwei, also der Hälfte der Strecke, hatte ich meinen Vorsprung auf drei Minuten ausgebaut, sah aber am Horizont schon stetig den Italiener auftauchen.

Das Terrain wechselte wieder auf tiefen Sand, die Temperaturen erreichten rekordverdächtige 49°C. Die Sonne stand hoch im Zenit, und die Hitze lag wie ein Stein auf meinem Nacken. Ich musste einen Gang zurückschalten, konnte aber zumindest das Lauftempo halten. Dennoch kam Barghini, der inzwischen an Frenz vorbei war, bis auf wenige hundert Meter an mich heran. Rund fünf Kilometer vor dem Ziel betrug mein Vorsprung auf ihn nur mehr zwanzig Sekunden, auch der Deutsche näherte sich auf eine Minute. Schließlich holte mich Barghini ein. Mein Puls war am Limit, aber ich ließ ihn nicht passieren. Immer wieder versuchte er seine Geschwindigkeit zu steigern und sich abzusetzen. Auch Frenz machte von hinten Druck. Keiner wollte sich abschütteln lassen, so kam im rasanten Tempo bereits das Camp in Sicht. Ich setzte schließlich alles auf eine Karte, mobilisierte meine letzten Kräfte und flog als Erster dem Ziel entgegen. Ich musste den Italiener förmlich niederringen – ein taktisches Rennen, in dem mir meine Erfahrungen aus den Volksläufen sehr zugute kamen. Nach 40,5 Kilometern und 4h 54min 17sec war ich über der Ziellinie. Das Duell Österreich gegen Italien ging diesmal an Rot-Weiß-Rot, ebenso wie das gegen Deutschland.

Dieser Etappensieg hat mir viel Selbstvertrauen und Motivation gegeben. Ich habe heute bewiesen, dass ich es drauf habe und fühle mich bereit für die lange Etappe. Morgen müssen wir 87,6 Kilometer bewältigen, durch Sanddünen, Canyons, Oasen und weite Ebenen – eine unendlich scheinende Distanz, in der die Plätze entschieden werden. Die erteilten Zeitstrafen nach dem Equipment-Check haben die Rangliste etwas verschoben. Auch ich habe 30 Minuten für meinen verlorenen Schlafsack kassiert – mildernde Umstände, weil ich es freiwillig gemeldet habe. Davon lasse ich mich aber ohnehin nicht beirren. Ich laufe einfach mein Rennen und werde mein Bestes geben.

Run on, Christian Schiester

 

Ranking nach Etappe 4:

1. Tobias Frenz (GER) 17:19:08
2. Paolo Barghini (ITA) 18:22:08
3. Christian Schiester (AUT) 18:43:05 (inkl. 30 Minuten Zeitstrafe)
4. Luis Marcos Silvestre (ESP) 19:09:23 (inkl. 30 Minuten Zeitstrafe)
5. Mehmet Danis (CAN) 20:31:15
6. George Chemiel (USA) 20:37:18

 


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