26 Freitauch-Weltrekorde gehen auf das Konto des Wieners Herbert Nitsch. Auf den Bahamas ist der 39-jährige Berufspilot am 8. Dezember mit nur einem Atemzug 123 Meter tief- und als Weltmeister der Disziplin Constant Weight mit Flossen aufgetaucht. Ein Porträt.
Stopp. Dürfte ich Sie um etwas bitten, bevor Sie weiterlesen? Es wäre dem Verständnis dieser Geschichte sehr zuträglich, wenn Sie bei Ihrer Lektüre ganz entspannt wären. Suchen Sie eine bequeme Position. Atmen Sie ruhig. Ganz ruhig. Stellen Sie das Atmen jetzt bitte ein. Sie können jetzt weiterlesen.
Kennen Sie Ihre Milz? Links neben dem Magen daheim, von Form und Größe einer Red Bull-Dose nicht unähnlich, hat sie die Eigenschaft, Blutschaum auszuschütten, wenn sie kontrahiert. Blutschaum ist mit Sauerstoff angereichertes Blut. Die Milz kontrahiert, wenn man die Luft anhält. Meeressäuger haben riesige Milzen, die Unmengen an Blutschaum ausschütten. Wer also ein besserer Apnoe-Taucher werden will, sollte an seiner Milz arbeiten. Bloß: Wie trainiert man die Milz?
Willkommen in der Welt des 39-jährigen Wieners Herbert Nitsch, des unzweifelhaft besten Apnoe-Tauchers der Welt. Apnoe heißt wörtlich „Nicht-Atmung“. Man muss mit der eigenen Atemluft auskommen. Von acht möglichen Weltrekorden hielt Nitsch zeitweise alle acht, im besonders spektakulären „No Limits“, bei dem man von einem Schlitten in die Tiefe gezogen
wird, gehören ihm gleich die vier besten Werte, die Menschen je geschafft haben.
Nitsch sagt, es habe sich „okay“ angefühlt da unten und dass er sich jetzt 1000 Fuß als nächstes Ziel gesetzt hat, weil es eine runde Zahl ist. 1000 Fuß: Das wären 305 Meter. Wie soll das gehen? Alte Donau, an einem schönen Frühlingstag. Begegnung mit dem Flying Fish, wie Nitsch in Anspielung an seinen Brotberuf als Flugzeugpilot in der Szene genannt wird. Der Mann mit der fünftbesten Tiefe, die französische Tauch-Legende Loïc Leferme, ist seit zwei Jahren tot.
Seinen jüngsten Weltrekord hat der Binnenländer Herbert Nitsch im Dezember des vergangenen Jahres in der Disziplin Constant Weight mit Flossen aufgestellt; es war sein 26. 123 Meter, tief tauchen: Was dieser Mann macht, kann man sich als Landratte nicht vorstellen und als Taucher oder Mediziner noch viel weniger.
Groß, kahl rasiert, der Brustkorb nicht gar so mächtig, wie man das von einem Menschen erwarten würde, der etwa 15 Liter Lungenvolumen hat. Tiefe Stimme. Seine Hand ist kühl, das liegt am Kreislauf, erklärt er, der bei Tauchern auf weniger Umdrehungen läuft. Wenn er entspannt, fällt sein Puls auf unter 40 Schläge pro Minute.
Normale Menschen, sagt er, würden funktionieren wie alte, schlecht eingestellte Ami-Schlitten, die zu Zeiten entstanden sind, als Sprit nix gekostet hat. Apnoe-Taucher hingegen seien Hochleistungsmotoren, die einen sehr niedrigen Leerlauf haben, bei Bedarf schnell hochdrehen können und quasi von Liebe leben, wenn die Luft knapp ist. „Wenn wir Menschen das Gefühl haben, mehr Sauerstoff zu brauchen, atmen wir einfach mehr. Taucher lernen, mit weniger Luft auszukommen.“
Wollen Sie schon atmen? Zuckt das Zwerchfell? Nach einer Minute kommt bei untrainierten Menschen der Atemreflex, das ist normal. Entspannen Sie sich. Lesen Sie ganz ruhig weiter. Verkrampfen verbraucht Sauerstoff. Und von dem haben Sie grad nicht sonderlich viel.
Herbert Nitsch trainiert daheim. Was er Intervalltraining nennt, würde für den Zuschauer eher wie ein entspanntes Dösen wirken. Nitsch liegt dabei am Bett, atmet anfangs drei Minuten, dann atmet er drei Minuten nicht. Atmet zweieinhalb Minuten, dann dreieinhalb nicht, bis er auf eine halbe Minute Atmen angekommen ist.
Den Atemreflex (kommt Ihnen bekannt vor, stimmt’s?) kann er kontrollieren wie unsereins Hände und Beine. Am Ergometer tretend, lässt er seinen Puls innert einer halben Minute von 60 auf 120 Schläge steigen und wieder abfallen, indem er atmet oder die Luft anhält. Steuert sein Zwerchfell bewusst an, zieht Blut aus den Extremitäten in den Rumpf zurück („Bloodshift“ heißt das), benutzt den Kehlkopf als Ventil, um zusätzliche Luft in die Lunge zu pumpen, verschiebt beim Druckausgleich Luft je nach Bedarf zwischen diversen Kopfhohlräumen, von denen du irgendwann gerüchteweise gehört hast, dass du sie überhaupt hast und empirisch nur von starken Verkühlungen kennst.
Der Pottwal, der 3000 Meter tief tauchen kann, schaltet nicht benützte Organe in der Tiefe ab. Der Typ gegenüber hat eindeutig menschliche Züge, ein Handy, fährt Smart und bestellt sich Putenbrust mit Salat. Hinter ihm steht ruhig das flache Wasser der Alten Donau. Tretboote schwanken am Steg, Schwäne putzen sich, Enteriche zanken. Menschliche Vorstadt-Philosophen erfinden am Nachbartisch die Welt neu. Es gilt das Duwort.
Die Banalität von Kartoffelkroketten und Radio Wien passt nicht zum Wahnsinn, den Herbert Nitsch im locker-konzentrierten Plauderton rauslässt, offensichtlich nicht zum ersten Mal. Wie man das Residialvolumen reduziert, also jene Luft, die man nicht mehr aus der Lunge rauskriegt, obwohl der Außendruck sie schon auf Faustgröße komprimiert hat (Sauerstoff wird in solchen Tiefen zum Gift). Wie er die CO2-Toleranz des Körpers erhöht.
Wie er einen Teil der Luft unter Wasser in eine Flasche atmet, um dort unten, wo die Lunge komplett zumacht, noch einen Druckausgleich bewerkstelligen zu können. Warum die Praxis mancher Apnoe-Taucher, die eustachische Röhre mit Meerwasser zu fluten, doch nicht so toll ist („Ins Mittelohr gehört kein Wasser“). Wie er spürt, dass sein Herz nur noch zehnmal pro Minute schlägt, was er aber nicht beweisen kann, weil Pulsmesser bei einem Druck von 22 bar nicht mehr funktionieren. (Zum Vergleich: Ein Fußball darf laut FIFA-Reglement
maximal mit 1,1 bar aufgepumpt sein.)
Der Mann schildert das Unvorstellbare so nüchtern technisch-medizinisch, als ob es nicht um seinen Körper, seine Empfindungen ginge. Anders jetzt: Was ist das Schöne am Apnoe-Tauchen? „Die Schwerelosigkeit, die Bewegung, das Spielen im Wasser. Die Eindrücke, die Fische, die Riffe. Die Wracks. Ich bin viel beweglicher, als ich es mit Pressluft sein könnte. Die Rekorde, das Wettkampftauchen sind ja nur eine Facette des Ganzen.“ Erzählt, wie er mit Fischen Verstecken spielt, „sie müssen glauben, dass sich der Mensch vor ihnen fürchtet, erst dann kommen sie näher“, wie er Haie erschreckt, damit sie nicht gar zu neugierig werden, wenn er Fische harpuniert und sie das Blut riechen. Isst gern Fisch, ist überhaupt gern am Meer, „Urlaub hatte schon immer was mit Wasser zu tun“.
Sein Respekt vor Gerätetauchern hält sich in Grenzen: „Pressluft ist unter Wasser irre laut. Ein Jäger, der mit dem Maschinengewehr ballernd durch den Wald rennt, sieht auch weniger als einer, der sich anpasst und sich mit den Tieren bewegt.“ Erst vor zehn Jahren, nachdem die Fluglinie seine Tauchausrüstung verschlampt hatte, bemerkte Nitsch, dass er auch ohne Fremdluft in Tiefen kam, die er eigentlich gar nicht hätte erreichen dürfen: 30 Meter unter null. Das lag nur knapp unter (bzw. über) dem damaligen österreichischen Rekord. Herbert Nitsch war in einen Sport reingestolpert, in dem er ganz offensichtlich gut war. Wie gut, das sollte sich erst noch zeigen.
Für Gerätetaucher endet die Welt 40 Meter unter der Meeresoberfläche. Bis dorthin hält unser Mann problemlos ohne fremde Luft mit. An guten Tagen taucht er bis zu 200 Mal und bleibt dabei jeweils drei, vier Minuten unter Wasser. Drei Minuten. So lang sind Sie jetzt ohne frischen Sauerstoff. Drei Minuten, das kann jeder lernen, sagt Herbert Nitsch. Der interessante Bereich beginnt erst jetzt. Halten Sie aus!
Linienpilot ist kein Job, den du nebenbei machst. Bei den ersten Bewerben, entschuldigen Sie das Wortspiel, tauchte Nitsch auf, als sie schon längst im Gange waren. Ging ins Wasser, gewann, war zur Siegerehrung schon wieder am Weg retour, der Job rief. Es war der große Loïc Leferme, der Nitsch den Spitznamen „Roboter“ verpasste: einer, der seine Leistung auf Knopfdruck abrufen kann. Das war als Kompliment zu verstehen. Wie ein Ayrton Senna oder ein Michael Schumacher die Formel 1 professionalisierten, so professionalisierte Nitsch das Extremtauchen.
Sind Sie noch da? Entspant? Noch immer nicht geatmet? Halten Sie durch, gleich haben wir’s geschafft. Die angelernten Muster, was einen Spitzensportler ausmacht, verfangen beim Apnoe-Tauchen nicht. Extremtaucher müssen nicht stark sein, nicht flink, nicht ausdauernd und nicht reaktionsschnell. Extremtaucher müssen vor allem krisensicher und effizient sein. „Auf den ersten Metern, wo es gilt, den Auftrieb zu überwinden und in jene Tiefe vorzudringen, wo du schwerelos wirst, wirke ich auf Videos schwerfällig und technisch schwach. Aber dahinter steckt Absicht: Die patscherte Art ist ökonomisch. Klar: Je mehr Körperspannung ich aufbaue, umso schneller komme ich runter. Aber Körperspannung kostet Energie.“
Denken, Sehen, Hören, Fühlen kosten Energie. Wie fühlt sich die Tiefe an? „Wegen des hohen CO2- Gehalts im Blut ein wenig so, als ob man in der Früh schlaftrunken nach dem Wecker greift und nicht weiß, ob man noch träumt oder schon wach ist.“ Wie klingt die Tiefe? „Beim No Limits höre ich das Geräusch des Schlittens am Seil.“ Die Tiefe an sich? „Ich weiß es nicht, ich höre nicht hin.“ Hast du die Augen offen? „Zwischendurch.
Manchmal taste ich nur.“ Was denkst du? „Ich versuche, nichts zu denken. Dort unten wirst du zum Reptil. Du hast nur mehr drei Gehirnzellen. Eine ist für Plan A zuständig, eine für Plan B. Und die dritte sagt, ob Plan A oder B gilt.“ Aber wie ist es da unten, bitte um Nachrichten aus einer Welt, die uns allen so fremd ist und wohl immer fremd bleiben wird? „Die Welt ist eine Scheibe, und wir Apnoe-Taucher schauen ein kleines bisschen über den Rand.“ Poetischer wird Herbert Nitsch nicht. Dass selbst ihm, dem Geübten, Rationalen, die
Tiefe fremd bleibt, sagt sehr viel über die Lebensfeindlichkeit jener unbekannten Zone.
Allenfalls die Apnoe-Gemeinde, die auf ein paar tausend weltweit geschätzt wird, kann erahnen, was hinter dem kahlen Schädel dieses Mannes vorgeht, was er schon gesehen, gespürt und erlebt hat. Herbert, wärst du gern ein Fisch? „Nein, Mensch sein ist schon okay.“
Sie können jetzt wieder atmen. Gratulation! Sie sind nun über sechs Minuten ohne Luft ausgekommen. Herbert Nitschs Rekord steht übrigens auf neun Minuten und vier Sekunden.
Mehr zu Herbert Nitsch auf:
www.redbulletin.com/nitsch/de und
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