Aksel Lund Svindal (c) Red Bull Photofiles

Was macht Michael Jackson am Gletscher? Und wer ist schuld an der Finanzkrise? Ein Porträt über Kitz-Kämpfer Aksel Lund Svindal, dem freundlichsten schnellsten Skifahrer der Welt.

Aksel Lund Svindal auf Anhieb sympathisch zu finden, ist fast so leicht, wie gegen Aksel Lund Svindal in einem Skirennen zu verlieren. Ersteres geht zum Beispiel so: Aksel liegt am zerwühlten Bett in seinem Hotelzimmer, einem farbenfrohen Gesamtkunstwerk aus Skiklamotten, angelesenen Jo Nesbø-Büchern und kreativ verteilten Socken, und öffnet eine Videodatei auf seinem Laptop.

Inhalt: er selbst mit drei Mannschaftskollegen auf irgendeinem verschneiten chilenischen Andengipfel, komplett in Rennmontur. Die vier nehmen Aufstellung, dann beginnt eine Tanzperformance (mit Helm und Skischuhen) zu Michael Jacksons „Beat it“: „You wanna be tough“, Ausfallschritt, „Better do what you can“, Arme in die Luft, „Just beat it“, Drehung. Das Video vom Herbsttraining des norwegischen Teams ist ein YouTube-Hit. „Meine Website“, sagt Aksel, „hatte noch nie so viele Zugriffe.“

Es sind nicht nur Aktionen wie diese, die den besten Skifahrer der Saison 2008/09 zum hochwahrscheinlich beliebtesten Skifahrer der Welt machen. Svindal hat es geschafft, die autistische Zielstrebigkeit eines ehrgeizigen Spitzensportlers mit dem ungekünstelten Charme von jedermanns bestem Kumpel zu kombinieren. Ihn zu Motivationszwecken als Feindbild einzusetzen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Den „nettesten Menschen, den ich kenne“ nennt ihn Didier Cuche. Für Benjamin Raich ist Aksel „ein super Typ.“ Dabei hat ihm der Norweger aus Lørenskog im Vorjahr zum zweiten Mal im allerletzten Rennen den Overall-Gesamtweltcup weggeschnappt – Aksels größter Erfolg neben drei Weltmeistertiteln und vier Disziplinen-Gesamtweltcupsiegen.

Das darunter liegende Erfolgsgeheimnis, das den freundlichen Koloss (189 cm, 98 kg) so weit brachte, ist von altmodischer Schlichtheit: Er ist verrückt nach Skifahren. „Dass man mit Skiern schneller über eine Piste abfahren kann als mit jedem motorisierten Hilfsmittel“, mache für ihn die Hauptfaszination seines Sports aus. Was er noch daran liebt: „Den Moment, wenn man im Ziel auf die Anzeigetafel schaut und erkennt, dass man Bestzeit gefahren ist. Dieses Gefühl ist besser als die ganze Siegerehrung.“
 

"Der netteste Mensch, den ich kenne" Didier Cuche über Aksel Lund Svindal

Aksels Skibegeisterung stimulieren aber nicht nur Tore und Zwischenzeiten. „Im Sommer habe ich im kanadischen Backcountry mit Freunden ein Freeski-Video gedreht“, erzählt er. Die Bilder zeigen Aksel bei einer einigermaßen senkrechten Tiefschneeabfahrt. Einmal legt er einen 30-Meter-Sprung über einen Felsen hin. „Mein Trainer“, sagt er, „sollte das Video besser nicht sehen.“

Seine Skileidenschaft hat den Skistar und Skifan nicht betriebsblind werden lassen. Die Liste seiner Interessen ist fast so lang wie die seiner Skierfolge.

„Aksel ist unheimlich intelligent“, sagt Rudi Huber, Rennchef seines Ausrüsters Atomic. „Ein schlauer Hund“ ist er für Hans Pum, den Chef des österreichischen Skiteams. Darum kann er auch zu fast jedem Thema Substanzielles beitragen.

Weltpolitik? „Obamas Nobelpreis kam ein bisschen früh.“ Business? „Ich habe kürzlich einen Workshop für Führungskräfte geleitet, es ging um Teamfähigkeit und Motivation.“ Entertainment? „Ich verpasse keine Folge von Travis Pastranas ,Nitro Circus‘.“ Finanzkrise? „Ohne die Panikreaktionen der Anleger wären die Auswirkungen halb so wild gewesen.“ Musik? „,Thunder Road‘ war Springsteens Meisterwerk.“

    

Lenkt so viel Interesse für das Leben jenseits der Fangzäune nicht vom Wesentlichen ab? „Es gibt Dinge, die wichtiger sind, als eine gute Riesenslalomkurve zu machen. Aber in dem Moment, in dem du sie machst, gibt es nichts Wichtigeres.“

Im Gespräch schimmert bei dem 27-Jährigen eine charakterliche Reife durch, die den Fernsehzusehern das durchschnittliche Zielraum-Interview vorenthält. Sie ist schmerzvoll erarbeitet. Denn Aksel mag nett zur Welt sein, die Welt war es nicht immer zu ihm. Mit acht Jahren musste er den Tod seiner Mutter Ina erleben, ihren Nachnamen Lund trägt er als Andenken an sie.

„Dieser Verlust prägt mich noch heute, auch wenn ich nicht so genau über das Wie nachdenken will.“ Umso enger ist sein Verhältnis zu Vater Bjørn. „Von ihm habe ich brutal viel gelernt“, sagt er, „Menschliches, Sportliches, Geschäftliches.“ (Aksel sagt immer „brutal“, wenn er nach Superlativen sucht.)

Bjørn, 60, passionierter Skiläufer und „ein brutal gescheiter Mensch“, begleitet ihn zu wichtigen Rennen und Meetings mit Sponsoren und Geschäftspartnern. Auch zu seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Simen hat Aksel eine enge Bindung. Simen war selbst Rennläufer. Mit drei Jahren hat er auf Aksels 100-Zentimeter-Latten das Skifahren gelernt, später haben beide gemeinsam Rennen bestritten.

Ein anderer Einschnitt, der seine innere Entwicklung maßgeblich beeinflusst hat, war Aksels lebensgefährlicher Trainingssturz in Beaver Creek am 27. November 2007. 17 Kilogramm Muskelmasse verlor er in der Rehabilitationszeit. Genau ein Jahr danach gewann er wieder sein erstes Rennen, natürlich in Beaver Creek. Beim Saisonfinale in Åre, wenige Monate danach, machte er Benjamin Raich den Gesamtweltcupsieg abspenstig. Mit 40 Grad Fieber.

„Ich bin direkt vom Bett auf die Piste, ohne Warmfahren“, Pause, „das brauchte ich ja nicht.“ Ein kurzes Grinsen. „In solchen Situationen gibt der Körper 150 Prozent.“ Nahm die große Kristallkugel für den Weltcup-Gesamtsieg entgegen, fiel ins Bett und stand erst eine Woche später wieder auf.

Svindals Körper wollte auch am Beginn der laufenden Saison nicht ganz so, wie es Svindals Kopf gern gehabt hätte. Ein Knorpelschaden im linken Knie zwang ihn nach dem Auftakt in Sölden zu einer mehrwöchigen Pause. Dennoch hat Aksel noch alle Chancen seinen Titel im Herren-Weltcup erfolgreich zu verteidigen: Derzeit liegt er im Gesamtweltcup an vierter Stelle, 255 Punkte hinter dem Führenden Carlos Janka.

Man darf also davon ausgehen, dass Svindal die Konkurrenz in absehbarer Zeit wieder in Grund und Boden fahren wird – vielleicht schon bei den 70. Hahnenkamm-Rennen vom 22. bis 24. Jänner in Kitzbühel. Und dass es trotzdem keiner der Besiegten schaffen wird, ihn dafür unsympathisch zu finden.

www.aksellundsvindal.com
 


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