Teil zwei des Reiseberichts von David Lama: Der Kletterer erzählt wie er es trotz Schwierigkeiten schaffte, den Cerro Torre als erster Mensch im Freikletterstil zu bezwingen.
Der 21. Januar 2012. Ein Tag, an dem im Grenzland von Argentinien und Chile Klettergeschichte geschrieben wurde. Nach einem 24-stündigen Gewaltakt erreichte der österreichische Kletterer David Lama zusammen mit seinem Partner Peter Ortner den Gipfel des Cerro Torre. Der 21-Jährige vervollständigte damit eine alpinistische Meisterleistung, die lange als unmöglich galt: Die Bezwingung des unberechenbaren Berges im Freikletterstil.
Im zweiten Teil seines Berichts berichtet Lama, wie genau sein geglückter Rekordversuch ablief (Teil eins der Story):
Die Seillängen bis zur Bolttraverse sind Peter und ich in den letzten Jahren schon unzählige Male geklettert. Einmal waren die Verhältnisse so schlecht, dass wir für die ersten zwei Längen fast zwei Stunden brauchten. Nach sieben Stunden gaben wir uns geschlagen und seilten wieder ab. Heute passen die Verhältnisse und wir erreichen bereits um 16 Uhr, nach nur drei Stunden Kletterei von der Schulter, die Bohrhakenleiter Cesare Maestri's. Sie führt drei Seillängen schräg nach rechts durch eine komplett glatte Wand und dann weiter bis in die Iced Towers. Diese Passage freizuklettern ist unmöglich. Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt ist weiter links, an der Südostkante eine Umgehung zu finden. Hier müssen wir klettern, wenn wir uns nicht an den Haken fortbewegen wollen.
Vom letzten Stand vor der Bolttraverse steige ich rund zwanzig Meter gerade hoch. Dort finde ich zwei Bohrhaken, die Ermanno Salvaterra 1999 bei einem Versuch die Route mit möglichst wenig Bohrhaken zu klettern, zurück lies. Ich hänge sie zu meiner Sicherung ein und klettere dann über einen dünnen Riss nach links an die Kante der leicht überhängenden Wand. Mit meinem linken Fuß steige ich hoch an und drücke mich in die Südwand. 1000 Meter pfeift es jetzt senkrecht unter mir weg. Hier steige ich ein paar Meter hoch. Eines meiner zwei Seile hänge ich in einen weiteren Normalhaken ein, dann wird die Kletterei plötzlich viel schwerer und es dauert nicht lange bis ich ins Seil stürze.
Ich ziehe mich hoch und versuche es erneut. Dieses Mal klettere ich direkt an der Kante. Es gelingt mir ein Stückchen höher zu kommen als bei meinem vorherigen Versuch, doch ich stürze erneut und schön langsam fange ich an zu zweifeln, ob diese Stelle wirklich frei kletterbar ist.
Ich probiere es noch einmal - was bleibt mir anderes übrig als es zu probieren - und komme wieder ein paar Zentimeter höher. Ein weiterer Versuch bringt mich zu meiner nächsten Zwischensicherung, einem Friend rund acht Meter höher. Die restlichen Meter zum Stand sind leicht. Peter lässt mich wieder zu sich an den Stand hinunter und nach ein paar Minuten Pause versuche ich die Seillänge erneut. Ich muss sie von einem Stand zum Nächsten sturzfrei durchsteigen.
Wieder klettere ich zu den zwei Bohrhaken am Anfang des dünnen Risses. Wieder steige ich mit meinem Fuß links hoch und drücke mich in die Südwand. Wieder klettere ich die acht schweren Meter an der Kante hoch zu meinem Friend und weiter zum Stand, doch dieses Mal schaffe ich alles, ohne ins Seil zu stürzen.

Peter zieht sich bis zu meinem Standplatz am Seil hoch, dann klettern wir weiter. Die Seillängen bis in die Iced Towers sind jetzt nicht mehr so schwer und Peter und ich kommen schnell voran. Noch bevor es dunkel wird haben wir uns ein kleines Podest ins Eis gehackt auf dem wir nebeneinander sitzen können. Hier werden wir heute Nacht biwakieren.
Wir bereiten uns auf eine kalte Nacht vor, kriechen in unsere Schlafsäcke und setzen uns auf unsere abgeschnittene Isomatte. Dann kochen wir ein wenig Wasser. Das Abendessen entfällt heute, da unsere Gaskartusche undicht ist und wir sonst morgen früh kein Wasser mehr schmelzen können.
Nach einer langen Nacht geht es um sechs Uhr morgens wieder weiter. In Wechselführung klettern wir durch die Iced Towers und gegen neun Uhr stehen wir am Anfang der Headwall. Ich nehme meine Steigeisen von meinen Bergschuhen und stopfe sie in den Rucksack. Dann ziehe ich meine Bergschuhe und meine Socken aus. Auch sie kommen in den Rucksack.
Mit meinen Kletterschuhen bewaffnet und einem mit Friends, Klemmkeilen und Normalhaken gefülltem Magazin steige ich die erste Seillänge vor. Sie ist nicht besonders schwer, aber die großen, lockeren Schuppen machen die Kletterei extrem anspruchsvoll. Die zweite Seillänge ist ziemlich nass, die brüchigen Schuppen sind größer und die Kletterei schwerer. In der dritten Länge muss ich an einem Eisblock vorbei klettern ohne ihn zu berühren, um Peter, der am Stand genau darunter hängt, nicht zu gefährden. Bis hierher sind wir der Originallinie von Maestri durch die Headwall gefolgt. Vor wenigen Tagen steckten hier noch unzählige Bohrhaken. Jetzt muss ich alles selbst absichern, da Jason und Hayden die Spuren von Maestri entfernt haben.

Wir begeben uns in neues Terrain. Ich klettere ein paar Meter gerade hoch, lege einen Klemmkeil, dem ich aber nicht wirklich vertraue, dann quere ich nach rechts und schlage einen Normalhaken. Die nächsten Meter sind schwer. Wieder muss ich über lockere Schuppen klettern- wird schon halten - bis ich endlich einen Stand an zwei guten Friends machen kann.
Die letzte Länge: Ich klettere fünf Meter gerade hoch, lege zwei gute Friends und hänge das Linke meiner zwei Seile ein. Dann quere ich an kleinen Leisten und Löchern weit nach rechts. Nach zehn Metern kann ich wieder einen Friend legen in den ich mein rechtes Seil einhänge. Jetzt bin ich in dem Risssystem, das mich bis zum Gipfelschneefeld führen sollte. Ich klettere weit hoch ohne eine wirklich vertrauensvolle Sicherung legen zu können. Kurz unterhalb des Schneefelds, vielleicht zwanzig Meter über meinem letzten guten Friend, versuche ich es noch einmal. Zwei Klemmkeile, ein Normalhaken und ein Camalot zusammengebunden stellen mein letztes Placement dar. Ich vertraue einfach darauf, dass ich jetzt nicht mehr stürze und klettere die letzte Meter in den Schnee.
Es ist ein komisches Gefühl. Über drei Jahre habe ich dieses Ziel, den Cerro Torre frei zu klettern, verfolgt. Jetzt habe ich es geschafft. Jetzt ist das Ziel erreicht. Das Ziel ist auf einmal weg. Was bleibt sind die Erinnerungen.
Peter und ich steigen noch auf den Eispilz, den Gipfel des Cerro Torre und nach einiger Zeit beginnen wir mit dem Abseilen. Auf dem Weg vom Nipo Nino nach El Chalten schmieden wir schon wieder neue Pläne, suchen neue Ziele, um neue Erinnerungen zu sammeln.
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