David Lama hat den 6155 Meter hohen Cerro Kishtwar im Kashmir-Himalaya in Indien bestiegen. Es war seine erste Expedition in dieser Region - und einer sehr erfolgreiche. Denn mit Stef Siegrist, Denis Burdet und Kameramann Rob Frost gelang die Erstbegehung der Nordwestwand. Hier sein Bericht.
Sumcham, ein winziges Bauerndorf im indischen Kashmir-Himalaya: Wir, ein kleines Expeditionsteam bestehend aus Stef Siegrist, Denis Burdet und mir, folgen einem Dorfbewohner durch eine enge Gasse. Der Boden ist voll mit Schlamm und der Rauch, der zwischen den Lehmmauern schwebt, brennt in meinen Augen.
Der Dorfbewohner heißt Raju und war einer der besten Eseltreiber auf unserer Expedition zum 6155m hohen Cerro Kishtwar. Er hat meine zwei Schweizer Kletterpartner und mich eingeladen bei unserer Rückreise in seinem Haus zu übernachten. Da es heute den ganzen Tag geschneit und geregnet hat, nehmen wir das Angebot gerne an. Durch eine rechteckige Öffnung in der Mauer steigen wir in einen großen, dunklen Raum. Dann sehe ich Raju, wie er uns zuwinkt und uns einen Sitzteppich neben der Feuerstelle in der Mitte des Raumes hinlegt. Meine Augen brauchen eine Weile, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Raju reicht uns heißen Tschai, den seine Frau für uns zubereitet hat. Während wir den Tee mit Yakmilch aus kleinen Plastiktassen schlürfen, schwirren mir ununterbrochen Bilder vom Gipfeltag am Cerro Kishtwar durch den Kopf.
Es war bereits das Ende unserer fast sechs Wochen dauernden Expedition im Kashmir-Himalaya. Es kam mir vor, als wäre es gestern gewesen: Stef Siegrist und ich schmiedeten Pläne für eine gemeinsame Expedition und als er mir dabei ein Bild vom Cerro Kishtwar zeigte, war ich davon sofort gefesselt. An der über eintausend Meter hohen Granitwand dieses fast vergessenen 6000ers, hatten bisher nur die Briten Andy Perkins und Mick Fowler und ihre Seilpartner Spurenhinterlassen. Ich wollte auf diesen Berg.
Der imposante Granitturm schien mir ein perfektes Ziel für meine erste Expedition in den Himalaya. Von Stef, der von seinen Erstbegehungen am Arwa Tower und am Thalay-Sagar bereits einiges an Himalaya-Erfahrungen gesammelt hatte, konnte ich sicher viel lernen. Der Schweizer Denis Burdet, ebenfalls ein erfahrener Alpinist, sowie der Kameramann Rob Frost, würden unser Team komplett machen.
Der imposante Granitturm schien mir ein perfektes Ziel für meine erste Expedition in den Himalaya. Von Stef, der von seinen Erstbegehungen am Arwa Tower und am Thalay-Sagar bereits einiges an Himalaya-Erfahrungen gesammelt hatte, konnte ich sicher viel lernen. Der Schweizer Denis Burdet, ebenfalls ein erfahrener Alpinist, sowie der Kameramann Rob Frost, würden unser Team komplett machen.
Nachdem ich mich durch den Sommer hindurch klettertechnisch in den Alpen verausgabt hatte, fand ich mich Anfang September am Flughafen von Delhi wieder, wo mich meine Partner schon erwarteten. Endlich ging es los. Wir stiegen in einen Bus mit Ziel Kashmir-Himalaya, der drei Tage lang unser Gefängnis wurde. Die Hitze war erdrückend. Wir vertrieben uns die Zeit damit, einen Film nach dem anderen anzusehen, bis alle unsere Laptop-Akkus leer waren.
Fast 20 Jahre lang war die Region, in der der Cerro Kishtwar liegt, nahezu vergessen. Politische Unruhen machten es unmöglich diesen Berg und die umliegenden Fünf- und Sechstausender zu erreichen. Jetzt gab es entlang der Straße von Kishtwar nach Gulaghab zwar einige Militärposten und unendlich viel Stacheldraht, aber keine Probleme bei der Durchreise. Wir fühlten uns sicher und starteten bereits früh am Morgen in das Tal, das von den Einheimischen „Saphire Valley“ genannt wird. Riesige Schaf- und Ziegenherden kamen uns entgegen. In den Dörfern, in denen Muslime, Hindi und Buddhisten friedlich miteinander wohnen, wurden wir auf heißen Tschai eingeladen. Nach drei Tagen erreichten wir endlich unser Basecamp.
Der Monsun in diesem Jahr war vertrieben und das Wetter schien langsam besser zu werden. Es schneite immer weniger und an manchen Abenden blieb es sogar trocken. Unser Klettermaterial trugen wir rechts an einem großen Gletscherbruch vorbei, bis wir einen idealen Platz für unser ABC, das Advanced Basecamp, fanden. Unter einer Felswand bauten wir eine kleine Plattform aus Steinen. Gerade groß genug für zwei Zelte. Beim Anheben der schweren Steinplatten wurde uns schwindelig und die Kopfschmerzen wurden stärker. Wir waren das erste Mal auf über 5000m und unsere Körper ließen es uns spüren. Nachdem wir unser ganzes Material ins ABC geschafft hatten, gönnten wir uns ein paar Tage Ruhe im Basecamp. Charly Gabl, unser Wettermann aus Innsbruck, versprach für die kommende Woche gutes Wetter.
Endlich ging es los. Wir konnten es nach den langwierigen Vorbereitungen kaum erwarten, endlich eine Besteigung des Cerro Kishtwar zu starten. Vom ABC ging es über ein langes Schneefeld in kombiniertes Gelände aus Eis und Fels. Das Gestein war brüchig und die 40 Zentimeter Neuschnee, die bei unserer Ankunft gefallen waren, machten das Stapfen unglaublich anstrengend. Stef stieg vor, während Denis und ich unsere Ausrüstung nachzogen. Erst gegen halb neun am Abend erreichten wir im Schein unserer Stirnlampen das Plateau, neben dem Gletscherabbruch, auf dem wir unser Camp I einrichteten.
Nach einer kurzen, kalten Nacht stieg Denis früh am Morgen über das 400 Meter lange Eisfeld auf. Nach zwei anspruchsvollen Seillängen im Fels mussten wir aber einsehen, dass wir mit dem vielen Gepäck für die direkte Nordwand zu langsam waren. Viel mehr reizte uns jetzt eine wunderschöne Eislinie durch die noch unbestiegene Nordwestwand. Wir seilten wieder bis in unser Camp I ab und beschlossen, einen Ruhetag einzulegen.
Wir reduzierten unser Gepäck auf das Nötigste und standen am nächsten Tag bereits um drei Uhr morgens auf. Es war eisig kalt und unser ganzes Material war eingefroren. Wir schmolzen Wasser, wärmten unsere Bergschuhe über dem Gaskocher und dann ging es los.
Ohne Gepäck nachziehen zu müssen, waren wir sehr viel schneller. Als die Sonne die umliegenden Gipfel zum Glühen brachte, waren wir schon am Anfang des Eiscouloirs. Ich übernahm ab jetzt die Führung und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das Eis – eigentlich vereister Schnee – war butterweich. Jeder Schlag mit dem Eisgerät saß, aber Sicherungen würden hier nicht halten. Hin und wieder konnte ich Klemmgeräte im Fels anbringen. Weite Abstände zwischen den Sicherungspunkten standen aber an der Tagesordnung. Alle paar Minuten musste ich zudem meinen Kopf einziehen und eine Schneedusche bei -25°C über mich ergehen lassen. Kurz vor Mittag stieg ich dann aber endlich auf den Südgrat. Ein paar leichte Felsaufschwünge und ich befand mich im Gipfelschneefeld. Einatmen, Hinsteigen – Ausatmen, Durchdrücken. Bei jedem Atemzug floß kalte, trockene Höhenluft in unsere Lungen. Sie ließ uns husten und hinterließ ein unangenehmes Stechen in unseren Brustkörben. Der nächste Schritt: Einatmen, Hinsteigen – Ausatmen, Durchdrücken. Es war nicht mehr weit, nichts konnte uns jetzt noch aufhalten. Wir hatten unser Ziel erreicht und eine bohrhakenfreien Erstbegehung im Alpinstil an diesem wunderschönen Berg realisiert. Einatmen, Hinsteigen – Ausatmen, Durchdrücken. Es war ein zäher Rhythmus, doch jeder Schritt brachte uns ein wenig höher. So lange, bis es nicht mehr höher geht. Wir standen am Gipfel. Einatmen – Ausatmen.
Zurück in Sumcham, es ist der Tag unserer Abreise. Früh am Morgen beladen wir wieder unsere Esel. Um uns bei Raju für seine Gastfreundschaft zu bedanken, wollen wir ihm ein paar Rupie zustecken, aber er sagt sofort, er brauche das Geld nicht. „Was soll das heißen?“ist mein erster Gedanke. Jeder braucht doch ein wenig Geld. Uns tun die paar Euro doch nicht weh! Auch Stef und Denis scheinen ein wenig verwirrt zu sein und erst langsam begreifen wir, dass Geld in dieser abgeschiedenen Gegend keinen Wert hat. Ich überlasse Raju meine Gore-Tex Jacke und Stef und Denis geben dem Eseltreiber ein paar Kletterseile. Dann machen wir uns auf den Weg nach Hause, in eine Welt mit einer etwas anderen Mentalität.
David Lama
Photos: Stefan Schlumpf, Stephan Siegrist, Denis Burdet /// Red Bull Content Pool
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