Extrem-Läufer Christian Schiester bloggt von seinem Trip durch die Wüste Gobi. Kapitel 5: Der lange Weg zum Ziel und die vollkommene Erschöpfung.
Hallo!
Um acht Uhr früh fanden sich gestern die verbliebenen Teilnehmer an der Startlinie ein. Die harte vierte Etappe hatte bereits viele Opfer gefordert. Kapitulierender Kreislauf, ständige Übelkeit, wundgeriebene Fußsohlen, entzundene Kniegelenke und schwerer Durchfall waren überall im Lager zu sehen. Andere hatten schlicht Angst vor der langen Distanz und den prognostizierten Temperaturen und entschieden sich daher gegen einen Start.
Für den Rest ging es los durch einen reich bewachsenen Canyon, dessen Fluss in der Mitte mehrmals durchquert wurde. Der Führende Dan Parr, die zwei Chinesen und ich setzten uns schnell vom Feld ab. Chao Wei versuchte früh eine Attacke, wurde aber von Parr und mir überholt. Es dauerte nicht lange und ich sah den Engländ am Horizont verschwinden und kämpfte wieder mein einsames Rennen.
Was danach folgte, war schlicht gesagt grauenhaft: Die anfänglichen Reisfelder und Weinreben wechselten in völlig trostlose, braune Ebenen, über die uns schier endlose Straßen und Wege führten. Wir durchquerten das Turpan Bassin, mit -150 Metern der zweittiefste Punkt der Welt. Der Himmel war bedeckt mit dunklen Wolken, die Rekordtemperaturen blieben daher Gott sei Dank aus. Dennoch ließen die aufgeheizte Erde und der föhnartige Wind die Quecksilbersäulen weit über 30°C klettern.
Bei der Überquerung eines Bachbetts überknöchelte ich mit dem rechten Fuß und musste unter zunehmenden Schmerzen laufen. Meine Energiereserven nahmen hingegen rapide ab und ich fühlte mich immer leerer. Nach etwa 60 Kilometern musste ich immer wieder gehen, um meinen rasenden Puls zu beruhigen, der Chinese hinter mir kam immer näher. Kurz vor dem letzten Checkpoint, den Dan Parr bereits eine Stunde vor uns erreicht hatte, ging er an mir vorbei. Ich war am Ende und musste ihn nach kurzer Gegenwehr ziehen lassen.
Ich erreichte den letzen Checkpoint und sah vor mir bereits das abschließend Highlight: Eine schmale Straße wand sich langsam ansteigend zu den Sanddünen, die zwischen mir und dem Ziel lagen. Kaum hatte ich die Dünen erreicht, wusste ich, dass es eng werden würde. Die Temperaturen steigerten sich auf einen Schlag auf 50°C, der Sand war sehr tief und kräfteraubend, mein ohnehin hoher Puls revoltierte. Bereits nach wenigen Minuten war mein letzter Tropfen Wasser getrunken und in meinem Kopf nur noch ein dumpfes Dröhnen.
Unweigerlich musste ich an jenen Chinesen denken, der bei der vierten Etappe knapp vor dem Ziel kollabiert und mitten in einem kochenden Canyon liegen geblieben ist. Erst nach über einer Stunde konnte er von einem beherzt eingereifenden Media-Team lokalisiert und mit Kamelen in sprichwörtlicher letzter Sekunde zur Straße und somit zum Rettungswagen gebracht werden. Dieser Athlet liegt bis jetzt im Koma, schwere Organschäden sind nicht ausgeschlossen.
Obwohl alles in mir forderte mich einfach hinzulegen und die Augen zu schließen, wankte ich weiter in dem Wissen, dass mich hier so schnell keiner finden und ich auf mich alleine gestellt sein würde. Auf allen Vieren mühte ich mich die Sanddünen hinauf und danach teilweise stürzend und rollend wieder hinunter. Schließlich blieb ich völlig erschöpft liegen. Mein schockartiger Zustand war mittlerweile lebensbedrohlich. Hastig grub ich mit beiden Händen ein Loch in die Düne und verkroch mich einige Minuten in die etwas kühlere Mulde. Mein Puls sank, aber ich konnte nicht mehr klar sehen und denken. Mir war schnell klar, dass hier liegen zu bleiben mich in absolute Lebensgefahr bringen würde. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich mir nicht mehr sicher, ob ich überleben würde.
Mit letzter Kraft schleppte ich mich auf die letzten Dünen und sah unter mir das Camp. Noch nie war ich so froh das Ziel zu sehen. Auch wenn ich das schon öfter gesagt habe, so bin ich mir sicher: der härteste und auch der gefährlichste Tag meines Lebens.
Nur acht Minuten vor mir hat der Chinese das Ziel erreicht. Seine Hände waren vom verdickten Blut so geschwollen, dass er sich den Rucksack selbst nicht mehr ablegen konnte. Zehn Minuten nach mir kam Dan Parr ins Ziel, der sich in den Dünen hoffnungslos verlaufen und seine klare Führung verspielt hat. Dennoch sind die Fronten geklärt: Der Engländer liegt vor der letzten Etappe nach einem eindrucksvollen Rennen uneinholbar voran, ich habe mir den zweiten Platz abgesichert. Sollte es auf den letzten 22 Kilometern morgen keine Überraschungen geben, wird sich daran nichts mehr ändern.
Heute liege ich nur im Camp und versuche mich zu erholen. Das ist gar nicht so einfach, denn mitten in den Dünen sind die Temperaturen extrem, die hochstehende Sonne bietet kaum Schatten und der Sand ist bereits seit dem frühen Vormittag zu heiß um barfuß zu gehen. Jeden Gedanken in meine Laufschuhe zu schlüpfen unterbinden die stechenden Schmerzen in meinen Füßen und Zehen. Etwas besorgt beobachte ich, wie das Organisationsteam versucht Wasser in die Dünen zu transportieren und völlig erschöpfte Läufer zu bergen. Noch immer sind viele der Athleten unterwegs und quälen sich nach über 30 Stunden durch die sengende Mittagshitze in den Dünen. Hoffentlich passiert heute nichts Schlimmeres. Bald ist es geschafft und ich kann zurückkehren in die kühlen Wälder Mauterns.
Run on, Christian Schiester
Koordinaten: Nord 42°46‘96‘‘, Ost 89°54‘06‘‘
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