Das reiche musikalische Erbe und entsprechend der Einfluss von Detroit auf die Welt der elektronischen Musik ist unbestritten. Können Sie uns den spezifischen Einfluss von gewissen Radio- und Fernsehprogrammen, die zur Entwicklung von Detroits Szene beigetragen haben, schildern?
Gegen Ende der 50er Jahre und zu Beginn der 60er, wurden Fernsehsendungen zu Tanz und Tanzmusik in den USA immer populärer. Die Mehrzahl dieser Sendungen zeigte ausschliesslich Gesellschaftstänze, aber es existierten bereits Programme, die sich explizit an junge Menschen richteten und offener waren. In Philadelphia wurde eine solche Sendung sehr erfolgreich produziert, allerdings nur mit weissen Musikern, die für ein weisses Publikum spielten. Eingangs der 70er kam mit Soul Train die erste Tanz- und Musiksendung auf, welche sich gezielt an junge Schwarze wandte. An Soul Train lehnte dann TheScene an, ein lokales Programm für Detroit. In der Zeit besuchte mein älterer Bruder die Highschool. Damals kleideten sich alle wie Prince und fuhren Rollschuh. Gemeinsam überspielten wir Kassetten mit der Musik, die bei TheScene gespielt wurde, und hörten diese dann die ganze Woche hindurch. Im Radio war es DJ Charles Johnson, besser bekannt als TheElectrifyingMojo, der einen entscheidenden Einfluss auf uns ausübte. Und das nicht nur durch seine einzigartige Musikauswahl, sondern auch wegen der Science-Fiction-Themen, die er in seiner Sendung besprach. Unter dem Pseudonym TheWizard, präsentierte auch Jeff Mills eine Sendung. Allerdings sprach er nie ein Wort, sondern baute einfach schnelle Scratch-Einlagen ein.
Ein Track, der immer wieder mit der Sendung TheScene in Verbindung gebracht wird, ist ShariVari, 1981 von A Number of Names produziert. Das Jahr 1981 scheint sowieso ein entscheidendes Moment in der Geschichte des DetroitTechno gewesen zu sein. Kann man sagen, der Track sei am Anfang der Bewegung gestanden?
Der erste Techno wurde 1981 von Cybotron alias Juan Atkins und Richard Davis mit dem Track "Alleys of Your Mind" produziert. Daneben sind im selben Jahr noch "Out Come The Freaks" von Was Not Was und manch anderer wegweisender Titel erschienen. ShariVari war ursprünglich nur als eine Adaptation von Gino Scorpios "Dancer" gedacht. Und es handelte sich bei dem Stück noch nicht wirklich um Techno. Paul Lesley und Roderick Simpson, die gemeinsam A Number of Names waren, wohnten in derselben Strasse wie ich. Ich weiss noch, wie stolz wir waren, als wir SharVari zum ersten Mal im Radio hörten. Das Stück wurde auf Vinyl und Kassette veröffentlicht, wir haben es dann immer wieder bei Pauls Schwester und während der Mittagspausen in der Schule gehört. Leider haben A Number of Names im Ganzen nur zwei Stücke veröffentlicht. Die Beiden hatten sich mit den falschen Leuten eingelassen. Auf Paul wurde dann sogar geschossen, als Folge war er teilweise gelähmt.
Der Detroit Techno war anfangs speziell von europäischen Produktionen beeinflusst. Welchen Einfluss hatte die europäische Musik auf Sie?
Seit den Beatles und den Rolling Stones übte Europa auf amerikanische Musiker einen grossen Einfluss aus. Umgekehrt hatten inzwischen viele amerikanische Künstler die europäische Musikszene beeinflusst. Diese gegenseitige Befruchtung gibt es also schon lange und hat sich mit dem Aufkommen der modernen Kommunikationstechnologien, namentlich dem Internet, um ein Vielfaches beschleunigt. Für mich war die Musik von Kraftwerk und Art of Noise prägend. Auch die Stücke "Was Dog a Doughnut" von Cat Stevens oder "Popcorn" von Gershon Kingsley haben einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Als ich Ende der 80er zum ersten Mal in London war, bot sich mir die Gelegenheit, Mute Records zu besuchen. Mein Freund Mark Moore, ursprünglich bei S-Express, hatte sein Studio im selben Gebäude. Ich hörte mich durch den Katalog des Labels und blieb bei ThrobbingGristle hängen. Seit ich jung war, suchte ich nach neuen, ungewöhnlichen Klängen. ThrobbingGristle war genau das gewesen – neu und ungewöhnlich. Mein Ohr für solche Sounds verdanke ich meinem älteren Bruder und TheElectrifyingMojo, die stets meine musikalische Neugier anregten.
War es diese Neugier, die Sie dazu brachte, immer wieder mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten?
Wie viele Produzenten in der elektronischen Musik arbeite auch ich meist alleine und zurückgezogen. Wenn ich einen Remix für einen Kollegen mache, habe ich dann schon das Gefühl, mit ihm zusammenzuarbeiten. Als ich einst mit Francesco MoraCatlett oder auch Marcus Belgrave arbeitete, wurde mir auf einmal bewusst, wie limitiert ich in einigen Dingen war. Mit Francesco war es zudem sehr lustig. Er ist ein hervorragender Geschichtenerzähler und ich mag Geschichten sehr. Seine Erfahrung und Offenheit haben mich inspiriert. Mit Francesco Tristano oder Moritz Von Oswald ist es dasselbe. Sie sind immer bereit, neue Wege zu gehen und das macht viel aus in unserer Musik.
Was würden Sie einer jungen Produzentin / einem jungen Produzenten der elektronischen Musik raten?
Ich sehe mich selbst immer noch als einen Lehrling. Wer ein Meister seiner Sache werden will, muss begreifen, dass er nie ausgelernt hat. Wer das Gefühl hat, ein Meister zu sein, läuft Gefahr, seinen Geist für Neues zu verschliessen und als Reliquie zu enden. Solche Künstler verschwinden und werden auch später nicht mehr wiederentdeckt. Derrick May sagte immer zu mir, dass man darauf achten müsse, offen zu bleiben und sich selbst gegenüber kritisch zu sein. Man sollte nicht zu tief in sein Selbst einsinken. Wenn man älter wird, verliert man oft seinen scharfen Instinkt und hält dann an bewährten Konzepten fest. Das ist der Anfang vom Ende. Als Künstler muss ich stets bereit sein, dazu zu lernen.
Red Bull Music Academy
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